2. Etappe von Porto San Giorgio nach Fossaciesa

Hier ein kleiner Überblick über unsere Reiseroute: von Marotta, ca. 40 Km nördlich von Ancona nach Süden an der adriatischen Ostküste entlang bis hinunter um den Absatz herum und wieder nach Norden bis Taranto.

Hier ein kleiner Überblick über unsere Reiseroute: von Marotta, ca. 40 Km nördlich von Ancona nach Süden an der adriatischen Ostküste entlang bis hinunter um den Absatz herum und wieder nach Norden bis Taranto.

Wir erwachen nach diesem tollen ersten Tag unserer Radtour und dem vergnüglichen Abend zuvor recht erfrischt und begeben uns nach der Morgentoilette gemeinsam in den Frühstücksraum. Alles ist etwas kleiner und nicht so üppig ausgestattet wie am Vortag im Bikini Hotel. On the road again, Sonne und Hitze inclusive bei Temperaturen von über 30 Grad.
Aber wir können sogar auf die Terrasse gehen und die warme Morgensonne genießen. Zu einem Capuccino, der so stark ist, wie ich ihn vielleicht noch nie getrunken habe. Was allerdings nicht besonders schwierig ist, habe ich in meinem Leben doch eher sehr selten überhaupt die coffeinhaltige Bohne zu mir genommen. Aber weil die anderen auch jammern, liege ich wohl richtig mit meinem Gefühl.Die abgetakelte Queen Mary

Nach dem Frühstück sammeln wir unsere Sieben Sachen zusammen und treten hinaus in die schon heiße Vormittagssonne. Das wird ein Spaß heute. Nach meinen Berechnungen könnten wir unser erstes Etappenziel, nämlich Pescara gegen 14 Uhr erreichen, wenn alles gut läuft. Es sind ca.75 Km bis dahin und wir haben 10:10 Uhr, als die Räder zu laufen beginnen. Ich fühle mich wohl und freue mich auf den Tag und Italien, wie ich es bisher noch nicht kenne.Blick aus dem Hotelzimmer

Wir setzen uns in Bewegung Richtung Süden und haben erfreulicherweise den Wind aus Norden im Rücken. Krisch klärt uns auf, dass dies lediglich am Vormittag so sei, und ab 14 Uhr der Wind auf Süden dreht.
Es läuft gut und ich bin sehr optimistisch, dass die Stimmung bei mir anhält, die schon gestern so grandios positiv war. Die Straßen lassen sich gut befahren, die italienischen Autofahrer achten trotz eines gegensätzlichen Rufs sehr auf uns, passieren uns vorsichtig und langsam, ohne zu hupen.

In einer kleinen Stadt machen wir schnell eine Trinkpause und Christian macht sich an seinem Lenker zu schaffen. Ihm war beim Durchfahren eines Schlagloches der Lenker nach vorne gerutscht. Er versucht die Lenkervorbau, ein kleines Gestell, das es ermöglicht, den Lenker höher und näher zum Körper zu drehen, wieder zu fixieren. Wir sind nicht einmal einen Kilometer unterwegs, da dasselbe schon wieder passiert. Ich sage ihm, dass ich es besser fände, wenn wir eine Werkstatt aufsuchen, da die Gefahr schon groß sein, dass er nach vorne fällt und ein Unfall mit unangenehmen Begleiterscheinungen die Folge sein könnte.
Ich spreche zwei Passanten an, die mir sofort den Weg zur nächsten Fahrradwerkstatt beschreiben. Wir finden auch sofort hin.

Mein Freund, der Fahrradmechaniker, hier bei der Arbeit.

Mein Freund, der Fahrradmechaniker, hier bei der Arbeit.

Direkt am Bahngleis der Stadt, ein winziges Geschäft, in dem ein Rad neben dem anderen steht und sogar noch drei oder vier Motorroller Platz finden. Der Herr Besitzer kümmert sich sofort um uns. Leider hat er keinen passenden Lenkervorbau im Haus. Bei Bestellung wäre die Lieferung schon am Mittwoch da. Wir bedauern, seien wir doch auf dem Giro d´Italia und könnten uns nicht so lange aufhalten. Jedoch kann er uns wenigstens sagen, wo es ein weiteres Fahrradgeschäft in Porto Recanati gibt.

Dort – ein paar Ecken weiter – angekommen, kommt ein etwas älterer Herr mit schütterem Haar aus seinem Laden. Er sieht eher aus wie ein Künstler denn ein Fahrradschrauber. Er betrachtet mit Geduld und man möchte fast sagen, mit genussvoller Ruhe den Schaden. Tja, ob er ein geeignetes Neuteil hätte, wüsste er nicht, meint er, während er seinen Kopf bedächtig hin und her wackeln lässt, um dann wieder langsam in die dunklen Gefilde seines Ladens zu verschwinden, hoffentlich um nach dem Objekt unserer Begierde zu suchen.

Ich gehe derweil schnell im nahe gelegenen Bioladen Kaugummi kaufen. Als ich nach einigen Minuten wieder zurück bin, stelle ich fest, dass Krischan und damit uns allen, geholfen werden kann.
Während dieser Pseudokünstler sich um das Fahrrad kümmert, greift er mir plötzlich an den Bauch und meint, dass das zu viel sei für eine so große Radtour, wie wir sie ihm zwischenzeitlich schon beschrieben haben. Komisch: alle reden mich auf meinen Bauch an. Schon Roberto, er Freund von Krischan mit dem kleinen Hotel in Marotta, griff mir an den Bauch, indem er mir sagte, dass er mich natürlich wiedererkenne als Gast des Restaurant Amalfi.

Ich weiß, dass da Handlungsbedarf ist, aber darf ein mir fremder Süd-Italiener mich darauf ansprechen, und mich dabei gleichzeitig noch körperlich angehen?? Ich merke, dass Wut in mir aufsteigt. Ich sage in unfreundlichen und barschem Ton, dass ich mit diesem Bauch problemlos 150 bis 160 Kilometer täglich fahren kann. Wieviel er denn so am Tag schaffe? Ganz ernst antwortet er: „so an die 100 bis 120 Kilometer“. Na also! Ich weiß, dass meine Wut ein Zeichen dafür ist, dass der weise ältere Herr mich in meinem tiefsten Inneren sehr berührt hat. Das versöhnt mich auch augenblicklich wieder und weicht einer Dankbarkeit für alles Gute, das durch andere auf mich zukommt. Ich nehme es als Inspiration mit auf den Weg.

Zu uns an der Fahrradwerkstatt gesellt sich noch ein Mitdreißiger, der uns interessiert über unsere Reise ausfragt. Er ist sehr nett und aufgeschlossen, und ich frage ihn, ob er jemand kennt, der ihm deutsche Texte übersetzen kann. Er bejaht. Darauf lade ich ihn via Visitenkarte ein, doch über meinen Blog an der Reise teilzunehmen. Lenker kaputt

Nach über einer Stunde Zeitverzögerung sitzen wir wieder auf den Rädern. Bei Bullenhitze kann es weitergehen. Pescara wird noch ein bisschen dauern. Aber wir werden verwöhnt mit der Durchfahrt durch San Benedetto. Ein wirklich gepflegter Badeort mit ewig langer Strandpromenade, herausgeputzten Häusern und Touristen.San Benedetto-ein Traum 1
San Benedetto  ein Traum 2Aber natürlich ist nicht alles schön, was wir sehen. Auch heruntergekommene Orte werden unseren prüfenden Blicken unterzogen. Die Hitze ist erbarmungslos. Wir messen wieder um die 35 Grad bei strahlendem Sonnenschein. Der Wind dreht nun nachmittags auch von Nord nach Süd. Ich reihe mich hinter Christian ein und fahre kilometerweit knapp hinter ihm her.

Wie so oft beim Radfahren von weiten Strecken verfalle ich quasi in eine – nicht unbedingt produktive, manchmal eher verzweifelte Meditation,um von Muskel- oder Schmerzen am Hintern abzulenken. In diesem Fall geht es nicht um die Frage „Sein oder Nichtsein“, sondern lediglich darum, ob Fahren im Windschatten von Christian sinnvoll ist oder nicht. Dafür sprechen folgende Punkte:

sein breiter Körperbau spart mir wirklich viel Energie, weil er den Fahrtwind extrem an sich abprallen lässt. Auch bin ich nicht so sonnenbrandgefährdet an den Beinen. Seine muskelbepackten Waden lassen kein Licht mehr durch, ich bin also selbst ohne Sonnencreme auf der sicheren Seite.

So sehen Etappensieger aus.

So sehen Etappensieger aus.


Nachteil ist natürlich, dass ich von der Landschaft relativ wenig mitbekomme. Diese und viele weitere Gedanken halten mich am Fahren, bis wir gegen 16:30 Uhr an der Strandpromenade eine mondäne Kneipe finden, in der wir Rast machen. Es gibt ein künstliches Pizza Calzönchen, passend zu den Jungs in der Kneipe. Christian trinkt Bier!!!! Und wir Wasser. Das Personal fragt uns interessiert, woher wir kämen. Einer der jungen, gut aussehenden Männer meint, dass seine Eltern in München leben würden. Ein anderer zeigt mir stolz die Anlage bis hin zum hauseigenen Sandstrand. Auf jeden Fall alles sehr gepflegt hier.

Um 17:30 h starten wir zur Abendetappe. Es ist ein bisschen kühler geworden, genauso im Übrigen wie das Landschaftsbild. Wir fahren durch eher heruntergekommene Gegenden und tun uns nach fast 150 Tageskilometern schon schwer, eine Unterkunft zu finden. Aber endlich, ganz einsam am Straßenrand, und wir sind praktisch schon vorbeigefahren, eine Hotelanlage. Wir kehren um, überqueren die Straße und biegen ein in das Gelände, um nach der Rezeption suchen.

Nach der Umfahrung des Gebäudes kommen wir auf einer großen Terrasse zum Stehen. Ich schaue mir gleich mal die mondäne Gaststube an, und bin mir sicher, dass wir uns das nicht leisten können. Nach kurzer Zeit tritt ein gepflegter, graumelierter Herr aus dem Haus. Er besitzt eine gehörige Portion Mutterwitz, einen gewissen Sarkasmus im Unterton. Er trägt einen Anzug, eine rotblaue Krawatte, schöne und hochwertige Halbschuhe. Er fragt uns, ob wir eine Stunde warten können, das Apartment sei noch nicht bereit, die Betten nicht bezogen und die Person, die das mache, würde erst in einer Stunde kommen. Wir sind begeistert darüber, dass wir vorab aber schon mal duschen können. Und über den Preis. 60,-€ für uns drei, natürlich ohne Frühstück. Wir schlagen ein, machen die Abendtoilette, waschen im Handwaschbecken unsere bereits verschwitzten Klamotten aus und hängen sie auf den dafür vorgesehenen Wäscheständer im Freien.

Es ist schon fast ganz dunkel, als wir das herausgeputzte Lokal im Haupthaus betreten. Es gibt heute Vorspeise mit Vongole (Spaghetti mit Muscheln) und als Hauptspeise ebenfalls drei Fischgerichte zur Auswahl. Alles schmeckt vorzüglich. Wir lassen bis gegen 24 Uhr den Tag Revue passieren, lachen über einige Vorkommnisse und gehen ausgelaugt, aber zufrieden in die Falle.

Statistik:

Kilometer: 149,69 km

Fahrzeit: 06:52:44 Std.

average: 21,20 km/h

Höhenmeter: 517 m

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