1. Etappe von Puchschlagen nach Günz an der Günz

Nach vielen Wochen des Wartens auf mein neues Fahrrad, ein Trike, das in der Ausstattung genau auf mich zugeschnitten sein soll, hoffte ich noch am vergangenen Samstag, dass ich spätestens heute damit in den lang ersehnten Urlaub fahren kann.

Aber das Schicksal hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Schon auf der Jungfernfahrt ergaben sich so große Probleme, dass ich das heiß ersehnte Fahrgerät vollkommen ernüchtert bereits nach dem ersten Wochenende wieder zurückgeben musste. Ich war stark an die erste Fahrt der Titanic erinnert, wobei natürlich niemand behauptet hat, dass mein neues Trike unsinkbar ist.
Weder der Verkäufer, geschweige denn der Hersteller. Aber schade ist das Ganze doch. Schließlich habe ich auf meiner Website „Radreisegeschichten.de“ schon Posts veröffentlicht, dass ich den ganzen April von Rom aus um ganz Sizilien herum fahren will. Habe mir Urlaub genommen – 30 Tage lang – und mein neues Fahrrad so bestellt, dass es nach Aussagen der Verantwortlichen für eine friedliche Übernahme rechtzeitig ankommt.

Mein neuer Flitzer nach der Jungfernfahrt. Er strahlt und ich auch - allerdings glänzend vor Schweiß.

Mein neuer Flitzer nach der Jungfernfahrt. Er strahlt und ich auch – allerdings glänzend vor Schweiß.

Und nun das. Kein Fahrrad am ersten April. Kein Scherz. Ok. Ich habe viel zu tun in meinem Haushalt. Erlebe mich als Stiergeborener trotzdem extrem flexibel und nicht unbedingt immobil. Alles kein Problem. Auch mein Garten will versorgt sein. Ich mähe den Rasen, kaufe Geranien und Petunien für meinen wundervollen Balkon, auf dass dieser meine Freunde auf der Party im Sommer erfreuen möge. Und ja, es ist so, dass mein Einsatz diesbezüglich immer noch Frauen am meisten ins Auge sticht. Und das hat doch was, für einen Stiergeborenen.

Als ich am Montagmorgen mit dem Anhänger meines Mitbewohners mein Trike demütig zum Pedalium nach Neuried bei München fahre, steht mein Entschluss fest. Egal, was das Schicksal mir auferlegen will: Ich gehe auf Radreiseurlaub. Komme, was denn wolle. Und er mag kurz sein, er mag mit Schwierigkeiten gepflastert sein. Und er mag mit einem Rad geschehen, das für solche Unternehmungen als eher gar nicht geeignet von fachkundigem Publikum bezeichnet wird. Einem ICE-Trike, ungefedert.

Aber mir ist jetzt alles egal. Ich will es wagen.
Ich bitte Felix, meinem Schrauber und Eigentümer von Pedalium noch ein wenig Hand anzulegen an meinem Rad. Klingel, Halterung für das Navigationsgerät, Schutzblech (wenigstens am Hinterrad).

Die Pferde sind gesattelt - endlich.

Die Pferde sind gesattelt – endlich.


Nun denn. Er meint, 160 Kilometer am Tag mit dem Rad wären ein Ding der Unmöglichkeit, als ich ihm von meinen Plänen erzähle, nach Italien reisen zu wollen. Mit einem gestrafften Programm, nachdem ich über zwei Wochen auf den Antritt meines Radlurlaubes warten musste. Klar, er ist erfahren, fährt seit Jahr und Tag ein Liegerad. Mal schauen. Es gibt ja auch Züge, in die man einsteigen kann, oder im Notfall die Mitfahrzentrale, wenn die eigenen Kräfte es nicht mehr zulassen, weiter zu fahren.

Trotzdem starte ich heute endlich in meine Radreise. Zwar bin ich noch morgenmüde, komme etwas schwer in Gang, an diesem sonnigen Dienstagmorgen, der ja geradezu zum Fenster hereinruft, man möge sich so schnell wie möglich nach draußen begeben und sich auf´s Fahrrad schwingen. Um die Strahlen des Frühlings auf die Haut zu lassen.

Aber ich habe noch ein wenig zu packen, die Blumen wollen noch gegossen werden, das eine oder andere Telefonat steht noch an. Schließlich sind die Taschen gepackt und ich bringe sie am Rad an. Eine neue Erfahrung, diese riesigen Seitentaschen am Trike. Erst konnte ich mich gar nicht vorstellen, dass sie sinnvoll beladbar sind, dachte, da würde alles nach vorne abrutschen. Aber ich sehe: es funktioniert, und es ist eine Menge Platz drin. Dort habe ich alles verstaut, was ich zum Anziehen benötige plus die Reparaturwerkzeuge, Ersatzmantel und ~schläuche.
In meiner gewohnten Seitentasche habe ich meinen grünen Rucksack mit dem Laptop, so dass ich stets mit Internet versorgt bin, und vor allem, dass ich diesen Blog verfassen kann.

Als ich gegen 13:30 h meine Wohnung verlasse, sind schon einige Wolken aufgezogen. Bin mal gespannt, ob es heute ohne Regen abgeht. Da ich an den beiden Vorderreifen keine Schutzbleche habe, wäre das echt von Vorteil.
Außerdem weht ein wirklich frischer, ja fast kalter Wind. Ich habe zwar kurze Hosen an, aber bin froh, dass ich mir mit zwei Windstoppern noch sehr sexy Reizwäsche gekauft habe, die ich über meine Beine gezogen habe.

Nach einigen Einstellungen auf meinem Navi geht es los. Gleich bedaure ich die Frauen, die diese Wäsche für uns Männer (und natürlich immer auch für sich selbst) tragen. Die Strümpfe rutschen immer weiter nach unten. Sieht irgendwie komisch aus, wenn zwischen der kurzen Hose und ihnen meine noch blasse Haut hindurch scheint. Ich versuche meine Windstopper immer wieder während der Fahrt nach oben zu ziehen. Was nicht unbedingt ungefährlich ist. Kann ich doch dabei meinen Lenker nicht festhalten, und das Rad driftet nach irgendeiner Seite.

Später habe ich mir im Zuge einer Pause die beiden Dinger ganz weit nach oben gezogen, und damit erreicht, dass ich für lange Zeit meine Ruhe habe. Also liebe Damen und Reizwäscheliebhaberinnen: wenn ihr einen Experten für das Anlegen Eurer Wäsche braucht: wendet euch vertrauensvoll an mich. Am Ende meiner Reise werde ich die notwendigen Techniken absolut beherrschen.

Uff, wo bin ich? Es geht nicht mehr weiter. Schon jetzt am Anfang meiner Reise.

Uff, wo bin ich? Es geht nicht mehr weiter. Schon jetzt am Anfang meiner Reise.


Ein erster großer Fehler war, dass ich mich sofort auf meine Navi verlassen habe. Und das in meiner eigenen Heimat. So stelle ich verärgert über mich selbst fest, dass ich nach über nun schon 30 gefahrenen Kilometern links nach Mering einbiege, auf eine Straße von Odelzhausen kommend. So habe ich also schon fast zehn Kilometer verloren und den Landkreis Dachau noch nicht mal verlassen. Wie peinlich. Wenn das so weitergeht……

Es ist eine Kopfsache. Wenn du das Gefühl hast, umsonst zu fahren, greift das deine Psyche an. Wenn du das Gefühl hast, wirklich gut voranzukommen, vergisst du die Anstrengung und kannst ein Gefühl der Glückseligkeit in dir selbst entfachen.

Aber es geht weiter. Das Wetter bleibt frisch, aber ich passiere mir so vertraute Orte wie Kissing (haben sie dort schon mal geküsst? Soll eine Wucht sein!), oder auf dem Weg nach Augsburg – Mering. Aber will ich überhaupt nach Augsburg? Ich möchte doch letztendlich nach Italien. Muss ich da durch Augsburg. Und wo ist Landsberg? Das ist doch eigentlich die Stadt, durch die ich fahre, wenn ich an den Bodensee als Zwischenziel möchte. Kein Hinweisschild, keine Ahnung. Aber ich fahre einfach weiter. Schaue ab und zu auf mein Navi, auf das ich mich gar nicht mehr verlassen möchte. Aber wo bin ich, womöglich kann es mir doch weiterhelfen!?

Nach über 50 gefahrenen Kilometern und einer eingelegten Pinkelpause (auch um meine schmerzenden, von einem starken Pelzigkeitsgefühl befallenen Füße zu entspannen), endlich ein Hinweisschild nach Landsberg. Aber was soll das: noch 24 Kilometer. Von mir zu Hause sind es gut 50 Kilometer bis Landsberg am Lech. Also schon 25 Kilometer umsonst gestrampelt. Ich versuche mich innerlich zu beruhigen, mir einzureden, ich sei doch nicht auf der Flucht. Es hilft. Aber leider nur ein bisschen. Schließlich komme ich aber doch besser voran und vor allem: in der richtigen Richtung.

Erstes Urlaubsfeeling an der Lechstaustufe. Auch wenn ich sogar hier wieder Umwege fahren darf.

Erstes Urlaubsfeeling an der Lechstaustufe. Auch wenn ich sogar hier wieder Umwege fahren darf.


An der Lechstaustufe folge ich dem Radweg, der jäh endet an einer Baustelle mit einer dermaßen abgedichteten Vollsperrung, dass ich nicht mal mit dem Fahrrad mich durchzwängen kann. Hier habe ich schon ein erstes Urlaubsfeeling, als ich die ganzen an Land gezogenen Boote auf dem Damm sehe. Nun mache ich es wie die Frauen: ich frage nach dem Weg.
Der Lech und seine Staustufe.

Der Lech und seine Staustufe.


Ein Pärchen, das mir entgegenkommt, rät mir, die ganze Staustufe zu umfahren und auf der anderen Seite mein Heil zu suchen. Gesagt. Getan. Ich umrunde das Wasser. Überall setzt der Frühling seine ersten Markenzeichen..WP_20160419_17_18_01_Pro
Die Bäume treiben aus und die Wiesen quellen über vor gelb blühendem Löwenzahn.
Die Landschaft verändert sich schon ein bisschen. Es wird hügeliger und das Unterallgäu lässt grüßen. Die Sonne versteckt sich manchmal hinter den Wolken, aber alles in allem bleibt es trockenGegen 19 Uhr erreiche ich Mindelheim und ich fahre in die Altstadt hinein. Eine wirklich süße alte Stadt mit bunten Häusern im Kern innerhalb der Stadtmauer. Ich fahre auch ganz schnell auf ein Hotel zu, das sich in einer Nebenstraße befindet. Steige ab. Klingle am Eingang. Niemand öffnet mir.
Ein erstes Ziel - das Stadttor von Mindelheim.

Ein erstes Ziel – das Stadttor von Mindelheim.


Nur eine Dame aus dem Haus gegenüber tritt auf die Straße, um ihren Abfall in der Mülltonne zu entsorgen. In breitem Schwäbisch spricht sie mich an. Ich muss mich umstellen, um zu verstehen. Sie meint, ich könne die Nummer anrufen, die an der Türe steht. Die Eigentümer hätten noch ein zweites Hotel in Erkheim, und könnten in ein paar Minuten hier sein.
Nun gesellt sich noch ein vorbei spazierendes Ehepaar dazu. Ich frage, wie weit Erkheim noch sei. Der Mann gibt Auskunft. Noch vierzehn Kilometer schätzt er. Ich überlege. Gegen 20:00 h kann ich dort sein. Ich entscheide mich, dorthin zu radeln. Lasse mir noch den Weg erklären.

Jetzt läuft es plötzlich super, wenngleich es mittlerweile empfindlich kühl geworden ist. Ich lasse die Räder laufen und hin und wieder die Kette rasseln. Das Ziel vor den Augen macht es nochmal richtig Laune. Schließlich erreiche ich das Hotel in Erkheim, in der Nähe der

Die Altstadt von Mindelheim in der Abendsonne.

Die Altstadt von Mindelheim in der Abendsonne.

bekannten Firma Baufritz, die sich auf die Errichtung von ökologischen Holzhäuser spezialisiert hat. Dankbar hieve ich meinen Body aus dem Rad und schlendere gelassen zur Rezeption. Ich läute. Eine Dame erscheint. Und selbst meine mir aus dem Gesicht springende Müdigkeit und Enttäuschung, auch mein Hinweis, ich würde auch in der Besenkammer gerne schlafen, erweichen sie nicht. Nein. Das ganze Haus wäre belegt und im Ort gibt es auch keine andere Alternative.
Rasante Fahrt von Mindelheim nach Erkheim, der untergehenden Sonne engegenkommend.

Rasante Fahr von Mindelheim nach Erkheim, der untergehenden Sonne engegenkommend.


Ich bin konsterniert. Ich bettle. Ich falle auf die Knie. Sie hilft mir endlich hoch und telefoniert mit einem anderen Haus. Ich habe Glück. In Günz an der Günz im Hotel Laupheimer oder so ähnlich, hätten sie noch ein Zimmer frei. Frau Erkheim erklärt mir den Weg. Es seien nur ca. sechs Kilometer. Ich schwinge mich wieder auf´s Rad. Es wird schon dunkel. Und vor allem: es ist mittlerweile eiskalt geworden. Schlotternd komme ich am Hotel an. Meine Sachen darf ich noch in den zweiten Stock tragen in ein riesiges, für einen König, oder sagen wir mal, zumindest für einen Grafen bereitetes Zimmer. Immerhin. Mir wird wieder warm dabei.

Schnell stehe ich unter der Dusche und begebe mich ins Restaurant nach unten. Ich habe großen Hunger. Zwei Herren am Nebentisch sprechen mich sofort an. Der eine arbeitet bei der MAN in Karlsfeld. Er will wissen, woher ich komme und legt mir dar, dass er sich in meiner Heimat gut auskennt. Ich möchte endlich bestellen. Aber die beiden sind nett – und ich auch. Schließlich stehen sie auf, und geben mir die Chance, meinen Magen nach einem anstrengenden Tag zu füllen.

Nach dem ergiebigen Abendessen falle ich nach ein Fernsehen in einen tiefen und erholsamen Schlaf.

Die Daten des ersten Tages in der Zusammenfassung:

Strecke: 127,08 Kilometer
Fahrzeit netto: 05:58:47 Stunden
Brutto: von 13:30 h bis ca. 20:30 h
Durchschnittsgeschwindigkeit: 21,25 kmh
Höhenmeter: 882 m

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2. Etappe von Günz an der Günz nach Konstanz

Als ich aufwache, scheint durch die Gardinen schon ein wenig die Sonne. Erst denke ich, endlich habe ich mal wieder sehr lange geschlafen. Aber nachdem ich durch hilfloses umhertapsen endlich die Fernbedienung des TV-Geräts gefunden und dieses eingeschaltet habe, stelle ich fest, dass es gerade sieben Uhr morgens ist. Macht nix, waren es doch fast acht Stunden erholsamen Schlafes.

Das erste, was ich an diesem Tag merke, ist, dass meine Lunge durch die erbarmungslose Kälte am gestrigen Abend doch ein wenig gelitten hat. Ich huste mir die Seele aus dem Leib, hoffe, dass ich mir nicht eine ausgewachsene Erkältung zugezogen habe.

Nach dem Anlegen meiner Windstopper. Eine Reizwäsche, die mich ständig wütend macht, weil es auch eine "Rutschwäsche" ist.

Nach dem Anlegen meiner Windstopper. Eine Reizwäsche, die mich ständig wütend macht, weil es auch eine „Rutschwäsche“ ist.


Ich ertappe mich beim negativen Denken und switche sofort um. Ich werde einfach weiterfahren. Die Sonne strahlt vom Himmel, und alles ist in Ordnung.
Da ich gestern Abend wirklich sehr kaputt war, beginne ich noch vor dem Frühstück mit dem Schreiben an der gestrigen Etappe. Das flutscht auch ganz ordentlich. Fertig bin ich damit allerdings nicht, als ich mich gegen kurz vor Neun zum Frühstück ins Erdgeschoss der Herberge begebe. Eine ältere Dame erwische ich gerade beim Abräumen des Frühstücksbüffets. Als sie mich wahrnimmt, fragt sie mich eifrig, ob sie noch Wurst und Ei bringen kann. Ich bejahe, denn ich habe schon früh am Tage einen Bärenhunger, und schließlich muss ich mir eine Reserve für die nächste anstrengende Etappe anessen.

Das gelingt auch ganz gut, ich habe auch viel Durst, mache mir mehrere Tassen Kräutertee und von einem asiatischen Tee, den ich später entdecke, versehen mit Limone, der hervorragend schmeckt.

Zurück im Zimmer räume ich meine Sachen zusammen. Da ich mal vermute, dass das Wetter zwar schön, aber weiterhin herrlich erfrischend ist, zwänge ich mich wieder in meine Windstopper-Reizstrümpfe. Jaja, das macht Sinn, auch wenn der eine oder die andere unter meinen Lesern herzhaft darüber lachen möge. Dafür ist der Blog (ja auch) da.

Alles zusammengepackt begebe ich mich zur Rezeption. Ich klingle. Eine Dame kommt aus der Küche und mustert im Vorbeigehen interessiert meine Reizwäsche. Ich bin also böse und verwegen. Spreche sie sofort auf ihre Blicke an meinen Beinen entlang an. Aber sie wendet sich ab und sucht verzweifelt irgendetwas in einer abgewandten Ecke des Rezeptionskapuffs. Sie wünscht mir noch eine gute Fahrt, gerade als mich ein weiterer Angestellter auf mein Fahrrad anspricht, dass ich vor dem Brauereigebäude hinter dem Haus unters schützende Dach gestellt, und an einer mit Bierkisten aufgestapelten Euro-Palette festgezurrt habe. Ich erteile ihm bereitwillig Auskunft auf seine Fragen zum Rad.

Löwenzahnwiesen allerorten im Unterallgäu. Der Frühling grüßt  mit Sonne und blauem Himmel.

Löwenzahnwiesen allerorten im Unterallgäu. Der Frühling grüßt mit Sonne und blauem Himmel.


Nun geht es raus an die frische Luft. Ich habe mich heute Morgen akribisch vorbereitet und mir alle Orte bis Lindau auf ein Stück Papier geschrieben, um das Verzetteln zu vermeiden. Komisch, dass man das gerade mit einem Zettel bewerkstelligen kann.

Ich fahre aus dem Hof der Brauerei und biege rechts auf die Straße. Ich orientiere mich nach Memmingen, die erste größere Stadt auf meinem Weg nach Konstanz. In Konstanz möchte ich heute Abend übernachten, morgen die ungefähr hundert Kilometer nach Zürich fahren und dann mit dem Zug nach Chiasso zur Staatsgrenze nach Italien weiterreisen. Dann am Freitag in Richtung Borgosesia, einem kleinen Städtchen im Aosta-Tal im nordwestlichsten Zipfel Italiens entgegen fahren. Dort lebt eine gute Freundin aus den Achtziger und Neunziger Jahren, die ich das letzte Mal 2005 gesehen habe, als ich sie mit meiner damaligen Freundin auf der Heimreise eines Frankreich-Urlaubs besucht habe. Spontan und unangekündigt, wie auch diese Woche.
Schnell finde ich den Weg durch das Unterallgäu. Riesige Blumenwiesen säumen meinen Weg und ich habe das Gefühl, Gänseblümchen und Löwenzahn fühlen sich hier zu Hause. Es ist wundervoll, die Wiesen vom Rad zu betrachten, unter blauem Himmel alles strotzend von Grün und Gelb.

Nicht alles auf meiner Reise ist schön!!

Nicht alles auf meiner Reise ist schön!!


Ich komme gut voran und bin bemüht im Gegensatz zu gestern, viele Umwege zu vermeiden. Einer allerdings bleibt mir nicht erspart. Kurz vor zwölf Uhr biege ich von der Hauptroute ab, um in einem Ort die Sparkasse aufzusuchen. Leider hat die Sparkasse am Mittwoch für Kundenverkehr immer geschlossen. Ich hätte gerne einen 500 Euroschein getauscht, den ich mir bei der Bank meines Vertrauens für einen Kauf mal geholt hatte. Irgendwie habe ich Angst, dass ihn mitschleppe, und ihn doch keiner will.
Ein Kumpel beim savoir vivré.

Ein Kumpel beim savoir vivré.

Ich kurble zurück und schlage nunmehr den Weg nach Leutkirch ein. Es macht wirklich Spaß, mit dem Trike zu fahren. Mit einer Ausnahme: meine Füße leiden sehr. Werden pelzig und teilweise beginnen zwischen Kilometer 80 bis 90 die Zehen meines rechten Fußes dermaßen zu schmerzen, dass ich einfach aufhören möchte. Ich muss ständig pausieren. Absteigen. Wenn das so weitergeht……

Ein Traum von einem Haus und gepflegtem Drumherum. Herrlich!

Ein Traum von einem Haus und gepflegtem Drumherum. Herrlich!


Leider habe ich kein Bild von der beschilderten Abzweigung gemacht. Aber eine Ausschilderung führte auf den „Hoschmiweg“. In Oberbayern lautet die adäquate Übersetzung aus dem Schwäbischen: „Host-Mi-Weg“. Dieser Weg könnte existenziell sein, verführt er doch, allen (anderen) klar machen zu wollen, mich zu verstehen. Ich habe aber spontan in eine andere Richtung eingeschlagen. Erst möchte ich mich selbst sehr gut verstehen!
Es gibt Menschen, die lieben ihr  Zuhause - und zeigen es allen anderen, die es sehen möchten.

Es gibt Menschen, die lieben ihr Zuhause – und zeigen es allen anderen, die es sehen möchten.


Das Wetter ist heute wirklich toll und seit geraumer Zeit denke ich darüber nach, meine Strümpfe auszuziehen. Aber mir ist klar, dass ich das nicht am Straßenrand tun darf. Weibliche an mir vorüberfahrende Automobilistinnen könnten Gefahr laufen, schwerste Unfälle zu verursachen. Männliche Fahrer könnten ihre Partnerinnen verlieren, wenn diese einen Blick auf mich wagen würden.

Insofern nutze ich die Gelegenheit, als ich mich nach dem Städtchen Wangen im Allgäu ein wenig verfahre und nach einer kurzen Unterredung mit einem jungen Montainbike-Fahrer wieder auf den richtigen Weg finde. Der führt durch ein kurzes Waldstück neben der Eisenbahn. Ich nutze die Gunst der Minute, reiße mir Schuhe und Windstopper vom Leib. Alles geht ganz schnell. Dann folge ich den Anweisungen meines jungen Freundes. Aber irgendwie verfahre ich mich wieder. Teilweise sind die Radwege Richtung Lindau ausgeschrieben. Aber an manchen Kreuzungen findet sich – NICHTS. Und ich stehe da wie der Ochs vorm Berg. Rätsle, wohin es gehen könnte – und schlage natürlich die falsche Richtung ein.
Umwege – sind wohl das Motto meines Lebens. Egal – Hauptsache, sie führen zum Ziel. Wie geht´s dir damit, lieber Leser? Kennst du die Problematik? Bitte lass es mich per Kommentar wissen. Ich freue mich zu lesen, wenn anderen das Leben ähnlich oder vielleicht auch ganz anders spielt.

Obstwiesen und Weinanbau. Schon am Duft zu unterscheiden.

Obstwiesen und Weinanbau. Schon am Duft zu unterscheiden.


Es ist wirklich erstaunlich, wie warm es plötzlich ist. Der kalte Wind ist verschwunden. Ich cruise durch Obst- und Weinbauplantagen. Hier im Süden steht alles in voller Blüte und ich habe das Gefühl, schon in Italien zu sein, so weit ist die Natur im Vergleich zum kalten München bereits.

Wein von Obst ist hier sehr leicht am Geruch zu unterscheiden. Obst – geruchlos (im Vorbeifahren), Wein: schwefelhaltiger Duft.

Endlich erreiche ich Friedrichshafen, die Stadt von Graf Zeppelin. Ich habe Lust auf einen Capuccino. Schnell finde ich einen Italiener gegenüber des Zeppelinmuseums – wie könnte es auch anders sein. Das Leben tobt hier. Neben mir an den Tischen sitzen der Sprache nach zu urteilen viele Menschen aus dem Balkan.

Das Zeppelinmuseum in Friedrichshafen am Bodensee. Vom Garten einer Pizzeria während dem Abendessen fotografiert.

Das Zeppelinmuseum in Friedrichshafen am Bodensee. Vom Garten einer Pizzeria während dem Abendessen fotografiert.


Teilweise Frauen beim Ratsch, Männer mit ihrer Liebsten, oder auch Mütter mit ihren Kindern. Ich bestelle mir einen italienischen Milchkaffe mit Espresso und eine vegetarische Pizza. Sie ist so überraschend groß, dass ich froh bin, dass dieses ominöse Ding schon spätestens ab 18:23 Uhr durch meinen Magen zersetzt wird. Viel später hätte dieses Organ keine Chance mehr, bis Donnerstagmorgen damit fertig zu werden.
DER ZEPPELIN für Kinder vor dem Museum.

DER ZEPPELIN für Kinder vor dem Museum.


Ich schließe meine technischen Geräte an die mitgeführte Powerbank an, um sie wieder aufzuladen. Dann setze ich meinen Weg fort. Noch knappe 20 Kilometer nach Meersburg. Ich war dort schon einige Male, und weiß, wo die Fähre nach Konstanz übersetzt. Da ich wohlweißlich mein Hotel schon in Friedrichshafen gebucht habe, muss ich es also nur schaffen, in Konstanz anzukommen. Scheint nicht schwierig zu sein.
So sehen die Städte am Bodensee aus: bunt und pittoresk.

So sehen die Städte am Bodensee aus: bunt und pittoresk.


Auf meinem Weg sprechen mich von oben herab plötzlich zwei Schweizer (L)eidgenossen an. Wir suchen alle den Radweg nach Meersburg. Schließlich finden wir ihn und kommen ins Gespräch. Sie wollen über das Fahrgefühl in einem Trike erfahren. Mich interessiert, ob die Schweizer Bundesbahn mich von Zürich nach Chiasso mitnimmt.
Oder auch so............ Vielleicht bin ich doch schon in Neapel????

Oder auch so………… Vielleicht bin ich doch schon in Neapel????

Wir helfen uns gegenseitig. Ich erhalte den Tipp, dass ich ihn Airolo aussteigen sollte (am Pass des Sankt Gotthart) und mir die Abfahrt nach Italien gönnen solle. Ich habe nochmal dringlich nachgefragt, ob es wirklich eine dauerhafte Abfahrt sei. Mein Kollege an der rechten Seite bejahte. Ich werde später berichten, ob er mich verkackeiert hat.

Eine italienische Eisdiele. Ach wäre ich doch schon in meinem geliebtem Italien!!!

Eine italienische Eisdiele. Ach wäre ich doch schon in meinem geliebtem Italien!!!


Als wir gerade bei schneller Fahrt unser Gespräch fortsetzen wollen, tut es einen Knall. Ich weiß augenblicklich, dass es mich betrifft. Ich bremse jäh und bringe mein Gefährt zum Stehen. Die beiden Schweizer Freunde halten an, fragen sofort, ob ich Unterstützung benötige. Da ich weiß, dass ich alle Ersatzteile bei mir habe, winke ich mit einem Dankesgruß ab, und die beiden setzen ihren Weg fort.
Nach der lautstarken Verpuffung: So sieht mein Vorderreifen aus.

Nach der lautstarken Verpuffung: So sieht mein Vorderreifen aus.

Mein Fahrrad wird, auf der Seite liegend, gut von mir behandelt. Die Fahrt kann bald weitergehen.

Mein Fahrrad wird, auf der Seite liegend, gut von mir behandelt. Die Fahrt kann bald weitergehen.


So. Nun war die Feuerprobe gekommen. Zwei linke Hände am Körper, und die Ersatzteile im Kofferraum. Ich bin mutig. Drehe das Rad um. Schaffe es hurtig, Schlauch und Mantel von der Felge zu ziehen. Dann stöbere ich in meinem Ersatzteillager. Für einen kurzen Moment erschrecke ich. Es hatte nämlich den Mantel des linken Vorderreifens zerrissen. Wundert mich nicht. Und ich erstelle mit Erschrecken fest, dass ich zwar zum Glück einen Mantel habe, aber keinen zweiten für das zweite Vorderrad. Die Reifen sind in einem erbärmlichen Zustand. Ich wechsle Schlauch und Mantel, was in ein paar Minuten erledigt ist. Aber: plötzlich umgarnt mich das sehr bestimmte Gefühl, dass gleich der nächste Mantel platzt. Lieber Gott, lass mich bitte heil nach Konstanz kommen.
Eine von Konstanz ankommende Fähre, die hierin Meersburg alle 15 Minuten auslaufen.

Eine von Konstanz ankommende Fähre, die hierin Meersburg alle 15 Minuten auslaufen.


Gott erhört mich. Es läuft recht gut seit der Reparatur. Vielleicht habe ich mir das ja auch durch meinen engagierten Einsatz am Straßenrand verdient!?
Gegen 19:45 h befinde ich mich auf der Fähre nach Konstanz. Schnell bringe ich meine Altlastenteile im Mülleimer des Schiffes unter, und muss den Room-Service meines Hotels morgen nicht mit der Entsorgung von diversen Gummiteilen (Schlauch und Mantel) belasten.
In Konstanz angekommen, befrage ich mein Navi nach der Turmschreibergasse 2. Dort soll sich mein Hotel befinden. Das Navi macht mit. Aber mein Fahrrad muckt plötzlich auf. Ich bemerke bei der rasanten Abfahrten in Richtung Zentrum von Konstanz, dass meine Kette an den vorderen Zahnrädern ungewöhnlich weit, und zwar fast bis zur Straße herunter hängt.
Der Blick auf die Schweizer Berge von Meersburg aus.

Der Blick auf die Schweizer Berge von Meersburg aus.


Passt das zusammen mit meinem Wunsch, morgen sowieso ein Fahrradgeschäft aufzusuchen, wegen eines zusätzlichen Mantels für meine 20“ Räder? JA. Das passt. Und als ich laut Navi 260 Meter vor dem Hotel bin, taucht ein riesiges Schild auf.
Konstanz vor Augen.

Konstanz vor Augen.

Ich bin glücklich, weil das Leben einmal mehr immer das liefert, was wir Menschen wirklich brauchen. Ein Fahrradbetrieb: INDIGO -Verleih/Verkauf/Reparatur.

Glücklich schiebe ich mein Trike unter den lachenden Blicken der Passanten in den Kneipen um mich herum zum Hotel. Es ist ja nicht mehr weit.
Die Dame an der Rezeption des Stadt-Hotels ist bedingt freundlich. Nein, schon sehr. Aber sie weißt mich darauf hin, dass es keine Stellplätze für mein Fahrrad gäbe. Ich erwidere, dass ich das nicht nur für den Preis noch nie erlebt habe. Das ist ihr aber relativ egal.
Mir im Übrigen auch. Ich parke mein Bike genau gegenüber vom Eingang des Hotels. Da auch noch die Kette von den Zahnrädern gesprungen ist, ist es eh nicht „klaubar“. Und Regen ist auch nicht angesagt. Alles gut also.

Dem Himmel sei Dank. Zweihundert Meter vor meinem Hotel eine Radlwerkstatt. Da kann ich beruhigt Schlafen gehen.

Dem Himmel sei Dank. Zweihundert Meter vor meinem Hotel eine Radlwerkstatt. Da kann ich beruhigt Schlafen gehen.

Ich dusche mich und suche eine Kneipe zum Verfassen meines Blogs auf. Und lande im TURM. Eine urige und gemütliche Altstadtbeiz mit freundlichen Bedienungen und einem guten Bier, das ich mir nach dem anstrengenden Tag schmecken lasse.

Die Daten des ersten Tages in der Zusammenfassung:

Strecke: 144,23 Kilometer
Fahrzeit netto: 07:09:50 Stunden
Brutto: von 10:30 h bis 20:30 h = ca. 10 Stunden
Durchschnittsgeschwindigkeit: 20,13 kmh
Höhenmeter: 909 m

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3. Etappe, die gar keine war: Konstanz – Radolfzell – Konstanz

Nach nicht zu langer Nacht in meinem engen Hotelzimmer erwache ich bereits durch die Helligkeit, die durch die Zimmerfenster dringt gegen 07:00 h. Nein, das muss nicht sein. Ich drehe mich um, döse noch eine gute Stunde weiter, einige Gedanken über den Tagesablauf im Kopf.

Konstanz an einem Frühlingsmorgen

Konstanz an einem Frühlingsmorgen


Gegen 08:30 h mache ich mich auf die Socken. Packe meine Sachen und stelle sie bereit. Dann begebe ich mich auf die Straße, wo mein Trike die Nacht wohl gut überstanden hat. Ich schiebe das Rad die zweihundert Meter zu INDIGO, einem Radgeschäft, das sich im Untergrund befindet. Ich erspähe den Eingang sofort und schiebe mein Rad hinunter wie zum Eingang einer Tiefgarage. Hinter einer geöffneten Türe vermute ich die Fahrradwerkstadt. Und wahrlich – so ist es. Gleich kommt ein Alt-Achtundsechziger mit grau-meliertem Wuschelkopf auf mich zu. Er widmet sich nach meiner kurzen Beschreibung des Schadens direkt meinem Rad. Bewegt hier mal etwas, ruckelt da am Kettenspanner, schüttelt wieder seinen sympathischen Wuschelkopf. Nein, meint er, da könne er nicht helfen. Das Schaltwerk wäre kaputt und es ein Risiko, noch sehr weit damit zu fahren. Dieses sei ein spezielles Zehnfach-Schaltwerk der Firma SRAM, die heutzutage nur noch selten verbaut würden.

Na gut. Aber er nennt mir immerhin noch drei Radwerkstätten, eines davon sogar ein Liegerad-Geschäft. Einer der drei hätte vielleicht sogar ein Schaltwerk wie ich es bräuchte. Er zieht die Kette wieder stramm, so dass ich auf jeden Fall erst mal damit fahren kann. Als ich ihm erzähle, dass ich auf meiner Reise noch ca. 800 km vor mir hätte, meint er, dass das das alte Schaltwerk nicht mehr mitmachen würde.

Als wir auf der Straße stehen, wo er mir die Wege erklären will, kommt auf einem Fahrrad ein Kollege vorbei. Sie grüßen sich, er hält an, und weil er in einem der Radläden arbeitet, den ich aufsuchen sollte, kann hier schon mal ausgeschlossen werden, dass das Schaltwerk dort vorrätig ist. Dann waren es nur noch zwei.

Ich bedanke mich für die freundliche Behandlung und lege los zum Radium, einem Spezialgeschäft für Liegeräder und Trikes. Schon durch die Schaufenster erkenne ich eine Vielzahl mir bekannter Liegerad- und Trikemarken, die dort im Laden stehen. Ich trete ein. Ein Preuße, eher zurückhaltend, aber sehr hilfsbereit, wie sich gleich herausstellt, widmet sich mir sofort. Er bittet mich das Fahrrad auszuziehen (wie das halt beim Onkel Doktor so ist). Ich löse alle Taschen vom Rad, und er zieht es danach an einem Seilzug in die Höhe.
Auch er stellt fest, was ich schon weiß: das Schaltwerk ist defekt und muss ausgetauscht werden. Naja. Dann widmen wir uns zuerst mal den Reifen.

Konstanz am 20. April 2016

Konstanz am 20. April 2016


Ich habe gestern nach meiner Panne einen extrem dünnen Ersatzmantel aufgezogen, dem der Experte keine lange Lebensdauer in Aussicht stellt. Zumal die Reifendicke auf den beiden Vorderrädern auch noch grundverschieden ist. So darf er mir zwei gleichwertige und vor allem gleichartige Reifen der Marke Kojak (ohne Lolly) verkaufen und auch gleich noch aufziehen. So werde ich 69,- € los und habe noch keine Ahnung, ob ich meine Reise fortsetzen kann. Denn ein SRAM-Schaltwerk hat auch er nicht auf Lager. Bestellen könnte eventuell bis über das Wochenende dauern, bis es eingebaut wäre.
Immerhin bekomme ich noch einen Radladen zusätzlich genannt und schiebe mein ICE wieder aus dem Radium. Um mich sofort auf den Weg in die Inselgasse zu Radial zu machen. Ich finde das Geschäft relativ schnell, obwohl es sich in einem Hinterhof befindet.

Auch hier bedient mich ein extrem freundlicher Mitarbeiter. Er sagt aber auch, dass das Schaltwerk nicht provisorisch gerichtet werden kann. Er könne sich vielleicht in einem Anfall an Interesse ein Wochenende damit beschäftigen, was uns beiden aber natürlich nichts bringt. Ein Schaltwerk der Marke SRAM hat er nicht. Ein anderes der gängigen Marken könne aus Kompatibilitätsgründen nicht eingebaut werden. Alles klar. Ich schiebe mein Rad wieder vorsichtig nach draußen. Brauche eine kleine Pause vor den nächsten Tiefschlägen. Fahre im Schritttempo durch die Stadt und Fußgängerzonen. Das Wetter ist prächtig, ein bisschen frisch, aber die Sonne strahlt vom Himmel.

Ich kenne sie nun alle, die Fahrradgeschäfte am Bodensee

Ich kenne sie nun alle, die Fahrradgeschäfte am Bodensee


Schade, dass mein Plan, heute bis Zürich zu radeln, wohl nicht klappen wird. Momentan habe ich nicht mal eine Ahnung, ob es überhaupt weiter geht. Mein Magen knurrt mittlerweile gewaltig. Aber einen Versuch unternehme ich noch, bevor ich beim Griechen einkehre. Ganz in der Nähe des Restaurants befindet sich der letzte Tipp, den ich bekommen habe. Der Kollege steigt sogar tief in den Keller, um das einschlägige Schaltwerk ausfindig zu machen. Leider kehrt er unvermittelt und ohne positive Ergebnisse zurück. Nicht ohne mir einen letzten Hinweis auf ein Expertengeschäft zu geben. Ob ich schon bei Jester gewesen wäre, ein ausgemachter Mountainbikespezialist, der sehr viel mit SRAM arbeiten würde.
Impressionen aus Radolfzell. Fast schon wie im Süden jenseits der Alpen. Und auch ein bisschen wie München.

Impressionen aus Radolfzell. Fast schon wie im Süden jenseits der Alpen. Und auch ein bisschen wie München.


Dankbar gehe ich erst mal essen. Ein Mittagsgericht, Hühnchen am Spieß mit Kartoffeln und Salat. Schmeckt richtig lecker. Der Laden wirkt ein bisschen wie aus den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Bedienung ist sehr freundlich. Allerdings ist sie so dick, dass man, wenn man etwas weiter von der Küche entfernt Platz gefunden hat, sich eher auf eine kalte Vorspeise konzentrieren sollte. Dass das Essen warm, geschweige denn heiß ankommen würde, ist kaum wahrscheinlich. Sicher, in Griechenland in der Hitze unter der Akropolis würde das Essen nicht so schnell kalt werden.

Aber wie gesagt, ich bin dankbar, dass es diese nette Bedienung gibt, die mir eine wohlschmeckende Mittagsspeise kredenzt.
Nunmehr gestärkt setze ich meinen Weg zu Jester fort. Ein junger Mann bedient mich. Als ich ihm erkläre, dass er meine letzte Hoffnung sei, dass ich meine begonnene Radreise fortsetzen kann, legt er einen Zahn zu. Er wirkt zunächst überzeugt, dass er das ominöse Schaltwerk vorrätig hat. Er zieht selbstbewusst eine Schachtel aus einem Regal. Während er darin wühlt, wirken seiner Gesichtszüge immer verzweifelter. Fast entschuldigend, aber in jedem Fall bedauernd wendet er sich mit einem hilflosen Achselzucken an mich: er sei sich sehr sicher gewesen, dass sie das erforderliche Schaltwerk da gehabt haben, aber in den letzten Tagen sind wohl alle Schaltwerke abverkauft worden.

Das wunderschöne Allensbach auf dem Weg nach Radolfzell.....

Das wunderschöne Allensbach auf dem Weg nach Radolfzell…..


Aber er hätte eine Idee. Ob ich denn schon bei JOOS gewesen sei. Ich verneine. Er sucht mir die Adresse raus, während ich bei bahn.de checke, wann ich im Laufe des späteren Nachmittags nach München zurückreisen kann. In Deutschland zu bleiben macht meinen Sinn, weil die Wettervorhersage für die kommenden Tage extrem bescheiden ist. Ich könnte am Abend gegen 23:00 h am Münchner Hauptbahnhof sein.
Ohne Umschweife und vor allem ohne Umfrage konnte ich Allensbach passieren

Ohne Umschweife und vor allem ohne Umfrage konnte ich Allensbach passieren


Aber die letzte Möglichkeit bei JOOS will ich nicht unversucht lassen. Ich rufe an. Nein, sagt der freundliche Mitarbeiter, so ein Schaltwerk habe er nicht. Und wie alle anderen bereits vorher, schlägt er auch vor, dass er eines bestellen kann. Aber garantieren, dass es
Ein männlicher Rauschgoldengel

Ein männlicher Rauschgoldengel

bis Montag geliefert sei, kann er nicht. Ok, das ist sowieso keine Alternative. Aber er ruft nochmal einen Kollegen bei JOOS in Radolfzell an. Er würde sich gleich wieder bei mir melden. Gesagt, getan. Fünf Minuten später habe ich ein Erweckungsgefühl: ja, das Schaltwerk ist vorrätig Radolfzell, und ja, Kollege Schmitt würde es mir auch heute noch einbauen. Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Ich lege sofort los.

Als meine Füße sofort wieder pelzig werden und zu schmerzen beginnen, erinnere ich mich an das Gespräch darüber am Morgen bei Radium, dem Dreiradladen. Der Eigentümer bestätigte mir nämlich auf mein Wehklagen, dass dies wahrhaftig das Problem bei dieser Art der Fortbewegung sei. Was man tun könne? Er meinte, es entweder mit einer härteren Sohle zu probieren, oder die Schuhe nicht so fest zu schnüren.

Schauinsland, denn Italien ist nicht mehr weit.......

Schauinsland, denn Italien ist nicht mehr weit…….

Ja, und Letzteres war doch einfach mal einen Versuch wert. Und siehe da. Es wird sofort leichter, die Schmerzen lassen nach. Verschwinden nicht völlig, aber es wird erträglich. Ich bin glücklich. Ist es doch das Einzige, was mich bisher noch gestört hat am Fahren auf drei Rädern.
.....nicht nur ich bin auf der Suche.....Wo ist Italien???

…..nicht nur ich bin auf der Suche…..Wo ist Italien???

Komischerweise finde ich in Radolfzell schnurstracks zu JOOS, wie an der Schnur gezogen trudle ich dort entspannt ein. Herr Schmitt, ebenfalls ein ausgemachter Preuße, widmet sich wahrscheinlich mir, sieht mich aber in unserer gesamten folgenden und späteren Konversation nicht einmal an. Er ist groß gewachsen, hat ein kleines Bäuchlein und ist wie alle JOOS-Mitarbeiter komplett in schwarz gekleidet. Er meint, ich solle um 17:30 h wieder kommen und das Fahrrad abholen. Überrascht war er nur, weil er nicht darüber informiert war, dass es sich um ein Trike handelt.

Die Tulpen von Allensbach, auf meiner Rückfahrt nach Konstanz mit dem reparierten Rad entdeckt

Die Tulpen von Allensbach, auf meiner Rückfahrt nach Konstanz mit dem reparierten Rad entdeckt


Ich begebe mich nach draußen und marschiere in die Fußgängerzone, die direkt am Geschäft anfängt. Gleich hält mich eine hübsche Blondine auf. Sie drängt mir ein Gewinnspiel auf und erklärt mir auf meine Anfrage, wie ich darauffolgende lästige Werbung durch spezielles
Mein Trike bei JOOS in Radolfzell, nach der Frischzellenkur mit neuem Shimano-Schaltwerk

Mein Trike bei JOOS in Radolfzell, nach der Frischzellenkur mit neuem Shimano-Schaltwerk

Nichtankreuzen auf dem Gewinnschein vermeiden kann. Bin mal gespannt, wie viele Anrufe und Postwurfsendungen ich in den nächsten Wochen und Monaten erhalten werde. Aber sie ist aufgeweckt, lustig und erfreut sich an meiner eigenen Fröhlichkeit, wie sie mir mitteilt. Ein Foto für meinen Blog verweigert sie mir allerdings. Schade, ich hätte euch gerne gezeigt, mit welch attraktiven Damen ich mitunter auf meiner Reise ins flirten komme.

Positiv gestimmt kaufe ich mir am Bahnhof in Radolfzell ein Bahnticket für eine Reise von Konstanz nach Chiasso am morgigen Freitag. Da ich nun schon einen ganzen Tag auf meinem Trip verloren habe, und ich auf wärmeres Wetter in Italien hoffe, eine Alternative.
Um 17:30 h fällt mein Blick sofort auf mein Fahrrad, das da vollkommen nackt im Werkstattbereich von JOOS mutterseelenallein, und vor allem OHNE Schaltwerk herumsteht. Schmitt kommt herbei und meint, da gäbe es Schwierigkeiten mit dem Einbau. Vielleicht weil ich anbei bin, hebt er das Gefährt auf eine Tisch und prüft es nochmals mit einem Kollegen.
Und plötzlich höre ich sie sagen, dass es ja möglich sei, ein Shimano-Schaltwerk zu installieren. Und DARAUF warte ich nun schon den gesamten Tag. In der Stunde Wartezeit gehe ich nochmal was essen. Pünktlich zum Geschäftsschluss um 18:30 h fahre ich das nun reparierte ICE aus der Türe von JOOS. Kaum zu glauben. Und es funktioniert sogar. Zwar nicht so geschmeidig wie die SRAM, aber immerhin. Ich kann weiter fahren. So cruise ich jetzt zurück

Der Garten meines Hotels direkt im Wald und am See - wirklich toll. Ein Platz eigentlich zum länger Verweilen

Der Garten meines Hotels direkt im Wald und am See – wirklich toll. Ein Platz eigentlich zum länger Verweilen

nach Konstanz und fahre direkt zum Waldhotel Jakob. Dort bekomme ich ein wunderschönes Zimmer direkt am Bodensee in ruhiger Waldlage. Ich bin wirklich begeistert. Schnell springe ich unter die Dusche, wasche mir die Sonnenmilch, die ich heute endlich benutzt habe, nachdem ich mich bei der gestrigen Fahrt das ganze Gesicht aufgebrannt habe, aus dem Gesicht. Dann geht es ins Restaurant zum Schreiben meines Blogs bei einem gemütlichen Bierchen.
Ich weiß, ich weiß, es ist nicht besonders romantisch mit diesem aber doch außergewöhnlichen Bild zu enden. Oder vielleicht doch? Ich habe noch nie eine Herrentoilette mit Klorollen an den Pissoirs entdeckt. So muss eben hier "der letzte Tropfen" nicht zwangsweise in die Hose gehen

Ich weiß, ich weiß, es ist nicht besonders romantisch mit diesem aber doch außergewöhnlichen Bild zu enden. Oder vielleicht doch? Ich habe noch nie eine Herrentoilette mit Klorollen an den Pissoirs entdeckt. So muss eben hier „der letzte Tropfen“ nicht zwangsweise in die Hose gehen

Die Tageszusammenfassung in Zahlen

Strecke: 56,95 Kilometer
Fahrzeit netto: 03:22:46 Stunden
Brutto: von 10:00 h bis 20:00 h
Durchschnittsgeschwindigkeit: 16,85 kmh
Höhenmeter: 321 m

Veröffentlicht unter Radreise April 2016_Bodensee - Schweiz - Italien - Bozen | 3 Kommentare

4. Etappe: mit dem Zug von Konstanz nach Chiasso, mit dem Fahrrad nach Gravellona

Als ich heute um 7:00 h erwache, scheint es hell durch das Fenster. Irgendwie hatte ich erwartet, dass das Wetter vielleicht schon umgeschlagen hat. Ich fühle mich nicht erfrischt und versuche noch ein wenig zu schlafen, was mir kaum gelingt. Ich darf ja auch nicht verschlafen. Das Zugticket gilt nur für die gekaufte Verbindung, weil es die einzige mit Fahrradmitnahmemöglichkeit ist.

Konstanz am Morgen und in Sicht auf dem Weg zum Bahnhof.

Konstanz am Morgen und in Sicht auf dem Weg zum Bahnhof.


Der Zug startet um 10:03 h vom Hauptbahnhof in Konstanz. Ich frühstücke, checke derweil meine Emails. Dann geht es ans Aufsatteln. Gerade heute, als ich unter Zeitdruck bin, sprechen mich zwei Hotelgäste auf mein Fahrrad an. Wie es sich fährt, woher ich komme, wohin ich fahre. Alles interessant und ich liebe es, mir für sowas ausgiebig Zeit zu nehmen. Aber heute Morgen geht das leider nicht.

Um 09:35 h fahre ich los, nach Anweisung des Portiers vom Hotel einen kürzeren Weg, als den, den ich gestern bei meiner Anfahrt zum Hotel genommen habe. Und wirklich, trotz meiner Unsicherheit aus anderen Erfahrungen: es funktioniert und ich bin rechtzeitig am Bahnhof. So. Nun beginnt das nächste Problem. Wie bringe mein Dreirad auf die Gleisseite, von der der Zug abfährt, wenn kein Lift vorhanden ist, wie hier in Konstanz. Ich möchte schon Passanten fragen, als mich ein netter ausländischer Bahnmitarbeiter darauf hinweist, dass ich am Ende des Bahnhofs einfach die Gleise überfahren kann.

Das ist also mal geschafft. Ich stehe am richtigen Bahngleis, als zehn Minuten zu früh der Zug nach Zürich einfährt. Zum Glück ist wenig los, so dass der vorbeistolzierende Zugbegleiter sich mir widmen kann. Er zeigt mir den Wagon mit dem Fahrradzeichen. Auf meine Bitte hin hilft er mir auch, das Fahrrad in das Innere des Zuges zu hieven. Er meint, das wäre kein Problem mit dem Radl, sofern keine Gäste beim Durchgang behindert werden. Aber das ist natürlich der Fall. Mein Unikum macht sich breit wie ein Nilpferd.

Der freundliche Schaffner empfiehlt mir für die nächste Reise ein Rad, das man „an den Haken hängen kann“.

Das Ding hängt wider Erwarten am Haken. Und es war einfacher als mit jedem Aufrecht-Rad.

Das Ding hängt wider Erwarten am Haken. Und es war einfacher als mit jedem Aufrecht-Rad.

Ich ducke mich intuitiv, und lass ihn seiner Arbeit walten. Als ich alleine in diesem mit heißer Luft gefülltem Zwischenraum zwischen zwei Eisenbahnwagen stehe, komme ich mir vor wie Wicki. Ich reibe an meiner Nase. Und schon ist das Rad von allen Lasten befreit und lässt sich leichterdings mit dem Hinterrad an einen der Haken hängen. Genial. Ich bin stolz auf mein Rad (und ein bisschen auch auf mich). Auch wenn ich das Gesicht des Schaffners nicht sehen kann, wenn ihm die Lösung beim Vorbeigehen auffällt. Ich freue mich diebisch auf sein Erlebnis.
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Der Blick aus dem Zugfenster. Das Wetter hält und hält......

Der Blick aus dem Zugfenster. Das Wetter hält und hält……


Nun mache ich es mir im Zug bequem. Schreibe einer Freundin aus Zürich, dass ich in Kürze in Zürich mit ein bisschen Aufenthalt bin. Sie sagt sofort ab, weil sie arbeiten muss. Schade. Aber viel Zeit hätten wir sowieso nicht gehabt, weil es alsbald weitergehen wird nach Bellinzona. Dort muss ich dann nochmal umsteigen in Richtung Chiasso. Von dort möchte ich dann die restlichen Kilometer nach Borgosesia abstrampeln.
Das Wetter ist immer noch schön. Ich bin darüber ob der schlechten Vorhersage überrascht. In Zürich kommen wir gegen 11:25 h an. Einige Passanten helfen mir, das Fahrrad und mein Gepäck aus dem Zug zu bekommen. Zum Glück sind 99% der Menschen auf dieser Welt grundsätzlich freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit.
Anschließend schiebe ich mein Velo durch den Schweizer Bahnhof. Immer wieder beobachten mich Vorbeigehende mehr oder weniger verstohlen. Aber daran habe ich mich inzwischen gewöhnt.
Am Zürcher Bahnhof. Nicht nur Menschen, sondern auch.........

Am Zürcher Bahnhof. Nicht nur Menschen, sondern auch………

.......Kunst

…….Kunst


Ich kaufe mir zwei Bananen und zwei Smoothie-Getränke, nachdem ich mühevoll einen Zusatzgeldbeutel mit ca. 100 Schweizer Franken aus Altbeständen, an den ich dankenswerterweise zu Hause noch gedacht hatte, aus den Tiefen meiner Packtaschen hervorgekramt habe. Kennt ihr das: ihr packt ganz bewusst ein. Wisst, dass ihr euch den Platz des einen oder anderen wichtigen Gegenstandes merken müsst. Und dann braucht ihr ihn. Keine Chance, euch daran zu erinnern, wo er sich befinden könnte.. Ihr stöbert in allen Taschen, an allen möglichen und unmöglichen Orten, wo er sein möge. Als ihr kurz vor dem Verzweifeln seid, liegt das ominöse Teil plötzlich vor euch. An einem Ort, von dem ihr euch sicher wart, ihn niemals dort deponiert zu haben.
Nicht nur ich bin unterwegs. Auch andere, und die auf viel weiteren Strecken. Alle Achtung

Nicht nur ich bin unterwegs. Auch andere, und die auf viel weiteren Strecken. Alle Achtung


Jetzt wisst ihr, wie es mir fast jede Stunde auf dieser Radreise geht. Seltsam ist, dass ich sehr wenig fluche. Nicht mal so still in mich hinein. Auch nicht laut vor mich hin. Wenn grade keiner zuhört oder der Lärm der vorüberfahrenden Autos verhindert, dass es von meiner Umwelt wahrgenommen wird.

Dabei hätte ich allen Grund dazu, wenn ich bedenke, was schon alles schief gegangen ist, seit ich den Nabel der Welt, meine Heimat Puchschlagen in Oberbayern nahe der wunderschönen Stadt Dachau, am vergangenen Dienstag verlassen habe. Nein. Bei allen Schwierigkeiten fühle ich mich frei, sie lösen zu dürfen.

Ich setze mich am Bahnsteig Nummer 9, der den Zug beherbergen wird, der mich nach Bellinzona bringt, in mein Liegerad. Mache ein paar Bilder von meinen mittlerweile durchtrainierten Waden, versende diese an diverse Frauen, Bewunderung heischend. Ein freundlicher Mitarbeiter der Schweizer Bundesbahnen in orangefarbenem Overall spricht mich an. Er sieht aus wie ein peruanischer Inka, der vergessen hat, wie man eine Flöte bläst und deshalb bei den Schweizer Bundesbahnen angeheuert hat, um seine zehnköpfige Kinderschar zu ernähren. Und natürlich in den Schweizer Bergen seine Kultur am Leben zu erhalten. Wir unterhalten uns ein bisschen über das Liegeradfahren. Ich habe das Gefühl, er würde das auch gerne tun. Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit ist er verheiratet???

Verfrühter Ausstieg aus Lust am Radeln

Verfrühter Ausstieg aus Lust am Radeln

Ich steige dieses Mal entspannt in den Zug und hänge total routiniert mein Fahrrad an den Haken. Wer kann das schon, und bleibt trotzdem aktiv!?
Mein Computer kommt mit ins Abteil. Schreiben. Googlemaps checken, den besten Weg finden, obwohl ich weiß, dass meistens doch alles anders kommt.

Ich schau aus dem Fenster. Das Wetter ist so genial, dass ich langsam ins Grübeln komme, ob es nicht doch ein Fehler gewesen ist, nicht mit Fahrrad zu fahren heute. Je weiter die Reise geht, und vor allem, als wir Airolo erreichen und an diesem Bahnhof auch halten, wird der Drang auszusteigen immer stärker. Ich erinnere mich an meine Schweizer Freunde von vorgestern, die meinten, ab Airolo kann man einfach abwärts rollen lassen. Vielleicht auch deshalb der Name Ai-Rolo? Heißt übersetzt wohl: „Mensch, lass rollen, Kumpel!

Immer den Wegweisern nach.......

Immer den Wegweisern nach…….


Den nächsten Halt Faido lasse ich noch ungenützt vorüberziehen. Aber in Biasca springe ich aus dem Zug. Nehme alles mit, was mir gehört. Sattle auf, richte meine Geräte aus. Und los geht`s um 14:57 h. Hier im Tessin hat man eigentlich schon das Gefühl in Italien zu sein. Alle Schriften sind in italienischer Sprache. Es gibt Pizzerie und die Banco Nazionale.
Ich kämpfe mich die Rampe am Bahnhof hoch und finde sofort die Richtung nach Bellinzona. Schnell stelle ich fest, dass ein wirklich zugiger Wind aus Süden bläst. Genau von da, wohin ich will. Aber da es meistens sanft abwärts geht, ist das wirklich verkraftbar.
Ortseingang von Bellinzona: eine farbenfrohe Begrüßung bei trübem Wetter.

Ortseingang von Bellinzona: eine farbenfrohe Begrüßung bei trübem Wetter.


Schnell erreiche ich Bellinzona. Auf der Fahrt höre ich mal ein Geräusch von einem auf die Straße fallenden Gegenstand. Ich mache mir zu dem Zeitpunkt keine Gedanken. Vielleicht hat meine Reifen etwas gestreift und weggesplisst. Als ich jedoch eine kurze Pause mache, stelle ich fest, dass der Plastikclip der oberen Halterung der linken Gepäcktasche abgefallen war. Später denke ich, dass das für den Preis von 189,- € eigentlich nicht hingenommen werden kann. Denn ich hatte die Taschen mit 7,8 Kilogramm beladen. Das heißt, mit nur 3,9 Kilo pro Seite. Händler ist natürlich grade keiner da, mit dem ich das Problem thematisieren könnte.
Fakt ist, dass die Tasche links fast am Boden schleift. Was für ein Glück, dass ich einen ganzen Satz Fixierbänder in allen Farben dabei habe. Ich kann die Tasche so ganz gut befestigen. Aber wie lange es wieder dauert, die Taschen nach dem nötigen Material zu durchsuchen.

Schon in Locarno habe ich erneut einen kleinen Zwischenstopp. Will nur die Karte nochmal checken, damit ich mich nicht verfahre. Und merke nebenbei, dass eine Halterung der grauen Seitentasche kaputt gegangen war. Ich kann ja nur jeden dritten Nagel in die Wand schlagen, weil ich zwei linke Hände habe. Aber mutig suche ich das Reparaturwerkzeug aus meinen Unterlagen. Ich glaube mittlerweile, die meiste Zeit auf meiner Radreise verliere ich beim Suchen nach irgendwelchen Gegenständen, die ich sorgsam, vernünftig, sinnvoll und – gewusst, wo – verstaut habe. So auch hier. Und beim Schrauben bin ich auch nicht erfolgreich. Letztendlich nutze ich wieder einen Kabelbinder. Und beobachte im Spiegel und durch gewagte rechtsseitige Verrenkungen während der Fahrt, ob hinter mir alles an seinem angedachten Platz bleibt.

Aber immerhin: ab Locarno geht´s voran. Ich passiere Ascona, das Refugium der Reichen und Schönen. Orientiere mich an den blauen Schildern, um nach Bissago zu kommen. Grün sind in der Schweiz doch die Autobahnen ausgeschildert. Weiß ich doch von zahlreichen Schweiz-Durchquerungen mit dem Auto.

Deshalb denke ich mir erst nichts dabei, als ich auf die zweispurige Fahrbahn gerate, die den Weg nach Bissago ausweist. Die Autos fahren hier sehr schnell und einige hupen mich an. Mutig fahre ich weiter voran, bis ich in der Ferne einen Tunnel erkenne. Ich bleibe am Seitenrand stehen. Weiß einen Moment lang nicht, wie ich aus der Nummer wieder herauskomme. Aber gibt es nicht in jedem Land die Polizei, den Freund und Helfer. Nachdem ich zwei Passanten hinter mir auf einer Brücke mich beobachten sehe, höre ich von vorne ein lautes Martinshorn aufheulen. Ich drehe mich und sehe einen Polizeiwagen von der gegenüber liegenden Seite die Spur wechseln und geisterfahrend auf mich zu kommen. Zwei Beamte springen aus dem Wagen und fragen mich provokant, ob ich denn nicht wüsste, dass ich auf der Autobahn stehe, und dass das Befahren solcher Hochgeschwindigkeitszonen für Fahrräder nicht erlaubt sei.
Ich gebe mich überrascht. Sage, dass ich davon ausgehe, dass die Schweizer Autobahnen in grüner Farbe ausgeschildert sind. Ob das nicht stimme. Mein Gegenüber bejaht das, fügt aber hinzu, dass diese Strecke eben auch eine Autobahn sei. Ich entschuldige mich natürlich für meine Unwissenheit. Dann möchte der freundliche Herr noch meine Papiere sehen. Mir schwant Übles. Er schreibt meine Daten aus dem Personalausweis auf einen abgehalfterten weißen Zettel. Warum ist mir schleierhaft.

Ich frage ihn, ob ich nun eine Strafe bekäme. Er meint, dass sie dieses Mal keine Strafe ausstellen, sie seien doch freundliche Schweizer Polizisten. Was ja stimmt. Denn jetzt macht er mir auch noch einen Vorschlag, wie ich eine Ausfahrt nehmen kann. Er hält dazu den Verkehr auf, ich schiebe mein Fahrrad in den Grasstreifen der knapp hinter mir liegenden Ausfahrt und das Fahrrad nach oben zur Ausfahrt. Geschafft. Ich merke schon, dass eine solche Situation sehr stresst. Ich habe die Herren gefragt, ob ich denn direkt am See entlang fahren darf. Er meinte, dass ich die Seestraße benützen darf, dass sie aber teilweise sehr eng sei, und ich halt vorsichtig fahren müsse.

Nach der ominösen Autobahn liegt die Ausfahrt hinter mir. Die Polizei hält den Verkehr an und ich kann mein Fahrrad zurück, und die Ausfahrt - hier links zu sehen - hochschieben. Gerade nochmal gut gegangen.

Nach der ominösen Autobahn liegt die Ausfahrt hinter mir. Die Polizei hält den Verkehr an und ich kann mein Fahrrad zurück, und die Ausfahrt – hier links zu sehen – hochschieben. Gerade nochmal gut gegangen.


Also ab ins Zentrum von Ascona. Ich erinnere mich. Auch wenn ich weder reich noch schön bin, vor ein paar Jahren hatte ich das Vergnügen auf eine Einladung hin, hier mal ein paar Tage in einem piekfeinen Hotel verbringen zu dürfen.
Ascona - an diesem Platz an der Promenade treffen sich dir Reichen und Schönen. Hab heute allerdings keinen von ihnen entdecken können. Ende Mai trifft sich hier die Nationalmannschaft zur Vorbereitung auf die EM in Frankreich.

Ascona – an diesem Platz an der Promenade treffen sich die Reichen und Schönen. Hab heute allerdings keinen von ihnen entdecken können. Ende Mai trifft sich hier die Nationalmannschaft zur Vorbereitung auf die EM in Frankreich.


Ich erreiche die mir bereits bekannte Seepromenade. Von dort schwinge ich mich hoch an die Uferstraße. Von jetzt an rollt es wie geschmiert. Ich komme gut voran. Ich habe mir ausgerechnet, dass ich zwar Borgosesia nicht mehr schaffen werde an diesem Tag. Aber zumindest soweit (weitere Zwischenfälle ausgeschlossen) müsste ich kommen, dass ich morgen gemütlich am Nachmittag dort einlaufen werde.

Es geht weiter flott voran und ich genieße den Blick auf den Lago di Maggiore. Der Verkehr hält sich auch in Grenzen, es ist flach, also nur super Bedingungen. Nachdem ich mir auch noch alle Orte, die ich der Reihe nach zu passieren habe, auf einen Zettel notiert habe, verfahre ich mich auch nicht mehr. Es wird schon dunkel als ich nach fast noch hundert gefahrenen Kilometern in einem Ort namens Gravellona di Tocce angekommen bin, und ein einfaches Hotelzimmer im CiCin bekomme.

Zum Glück ist da auch noch ein Restaurant dabei, in dem ich meinen Bärenhunger und Durst stillen kann. Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, als ich wenig später am Tisch einen Blick in die Speisekarte werfe. Keine Pizza, keine Spaghetti Aglio e Oglio. Nein, ich verstehe eigentlich gar nichts. Obwohl ich des Italienischen ein wenig mächtig bin: eine solche Speisekarte habe ich weder jemals gelesen noch dazu verstanden. Lasse mir vom Kellner erklären, mit welchen Saucen die Nudeln gereicht werden. Ich entscheide mich für Tortellini mit Fisch. Und bin nicht wenig überrascht, als ein Teller mit überschaubar wenig, aber pechschwarzen Nudeln, garniert mit kleinen Cocktailtomaten bei mir ankommt.
Sie schmecken ungewöhnlich, ich esse zu den Nudeln sämtliche Crossini-Weißbrotstangen sowie das zusätzlich angebotene Weißbrot ratzeputz auf. Aber dann bin eben angenehm satt, nicht überfressen und lasse mir dazu noch eine Flasche Chiaretto schmecken.

Überschaubare schwarze Nudelmenge mit Seetang - oder Ähnlichem - gefüllt. Seltsam lecker nach einem anstrengendem Tag.

Überschaubare schwarze Nudelmenge mit Seetang – oder Ähnlichem – gefüllt. Seltsam lecker nach einem anstrengendem Tag.


Da ich erst gegen 21:30 Uhr eingecheckt habe, schreibe ich bis etwa 00:30 h an meinem Blog, ehe ich hundemüde in die Koje falle.

Die Zusammenfassung:

Strecke: 98,27 Kilometer
Fahrzeit netto: 04:49:53 Stunden
Brutto: von 14:55 h bis ca. 21:00 h
Durchschnittsgeschwindigkeit: 20,34 kmh
Höhenmeter: 451 m

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5.Etappe von Gravellona nach Borgosesia

Heute Morgen nach dem Aufstehen habe ich es überhaupt nicht eilig. Ich bin ca. 40 Kilometer von meinem Tagesziel entfernt: Borgosesia. Ein Grund vielleicht auch, warum ich mich aufschwingen kann, eine weite Radreise alleine zu unternehmen: der Besuch von mir geliebten Menschen, die ich vielleicht schon lange nicht mehr gesehen habe. Die ich mit meinem Erscheinen spontan überraschen möchte (hoffentlich positiv). Wobei ich weiß, dass ich nichts weiß. Dass es vielleicht nicht der passende Moment ist, an dem ich auftauche. Aber darum ist es mir immer wichtig, das kund zu tun, dass mir jeder sagen kann, wenn mein Erscheinen gerade nicht günstig ist. Denn ich bin selbstverständlich niemandem böse, wenn es dann eben nicht hinhaut.

Das geht ja schon gut los. Der erste Schock am Morgen - und ich muss wieder umdrehen. Nicht links am Lago d´Orta vorbei, sondern rechts rum und über die Berge

Das geht ja schon gut los. Der erste Schock am Morgen – und ich muss wieder umdrehen. Nicht links am Lago d´Orta vorbei, sondern rechts rum und über die Berge


Warum also nach Borgosesia. In diese kleine Stadt vor den Toren des Aosta-Tales? Im Jahre 1986 hatte ich in Dachau als Teamer einer internationalen Workshop-Gruppe zur Gedenkstättenarbeit des ehemaligen Konzentrationslager Dachau ein wunderbares Mädchen kennengelernt.
Ich bin der Marathon-Mann. Zumindest fühle ich mich zuweilen so

Ich bin der Marathon-Mann. Zumindest fühle ich mich zuweilen so

Die Gegend am Lago d´Orta

Die Gegend am Lago d´Orta


Wir haben uns angefreundet. Das war im Sommer. Nachdem sie mich zu sich nach Italien eingeladen hatte, habe ich sie bereits im Herbst 1986 zum ersten Male besucht. Manuela lebte damals bei ihren Eltern. Diese nahmen mich auf wie einen Sohn. Vielleicht vermisste ich eine Familie damals ein bisschen, nachdem ein paar Jahre vorher mein Vater gestorben war. Und fühlte mich damals so wohl in Italien.
Liegeradfahren macht Spaß!!!!

Liegeradfahren macht Spaß!!!!


Und so habe ich Manuela und ihre Familie immer wieder besucht. Sie selbst hat später in Karlsfeld ein halbes Jahr als Au-Pair-Mädchen gearbeitet. Und da haben wir uns auch öfters getroffen.
Nein, ich bin nicht in Afrika, sondern in den italienischen Bergen

Nein, ich bin nicht in Afrika, sondern in den italienischen Bergen

Mauerblümchen müssen noch lange nicht hässlich sein

Mauerblümchen müssen noch lange nicht hässlich sein


Zuletzt gesehen haben wir uns 2005, als meine damalige Lebensgefährtin mit ihren Kindern und mir aus dem Frankreich-Urlaub kommend, spontan bei Manuela Station machten.
Seitdem habe ich nichts mehr von ihr und ihrer Familie gehört. Sie war damals verheiratet und hattet zwei Kinder, Mattia und Marta.
Am Ende des Tages habe ich außer Zebras keine einzige Katze in diesem "Dorf der Katzen" ausmachen können

Am Ende des Tages habe ich außer Zebras keine einzige Katze in diesem „Dorf der Katzen“ ausmachen können


So. Und nun sitze ich wieder auf dem Bock und habe einen Pass entlang des Lago d´Orta zu überwinden. Viele Gedanken kommen da hoch. Lebt Manuela noch in Borgosesia, leben ihre Eltern noch? Wie geht es ihren Geschwistern? Werden sie den grauhaarigen alten Mann, der ich mittlerweile geworden bin, überhaupt noch erkennen?
Der Lago d´Orta

Der Lago d´Orta


Je höher ich steige, umso kühler wird die Witterung. Auch regnet es zwischendurch. Hört aber zum Glück wieder auf. Das Treten funktioniert prima heute, habe kaum Malesse mit den Füßen. Toll.
Italien und seine Häuser und Gärten. Einfach bezaubernd

Italien und seine Häuser und Gärten. Einfach bezaubernd


Nach der ersten langen Steigung geht es lange bergab. Und ich denke, ich habe das Gröbste geschafft. Mitnichten. Dann kommt der zweite Pass. Mit dem Warnhinweis am Anfang: Winterreifenpflicht von November bis 15. April. Zum Glück. Letzte Woche noch hätte ich ohne Spikes gar nicht hochfahren dürfen. Wenigstens ist an allen Kreuzungen, die bei mir richtungsmäßige Unsicherheit hätten hochkommen lassen, Borgosesia schon ausgeschildert.
Endlich geht es wieder bergab. In hohem Tempo kralle ich mich an meiner Panzerlenkung fest, und hoffe, nicht mal aus irgendeiner Steilkurve getragen zu werden. Und vier Kilometer vor der Zielstadt fängt es aus allen Rohren zu schütten an. Ich werde total durchnässt. Na bitte. Das musste noch sein, das ich triefend vor (fast) fremden Haustüren stehe.
Dem Ziel schon ganz nahe, und..............

Dem Ziel schon ganz nahe, und…………..

..........Geschafft!!!!

……….Geschafft!!!!


Aber so schnell es angefangen hat zu schütten, so schnell war es auch wieder vorbei. Und da es immer noch abwärts geht, ist meine Kleidung wieder trocken, als ich in die Stadt einfahre. Auch angenehm warm wird es hier wieder. Ich erinnere mich an viele bekannte Ecken, als ich mich langsam vortaste. Habe das Gefühl, dass das Haus der Eltern im südwestlichen Teil der Stadt steht. Vieles kommt mir bekannt vor, aber das Haus finde ich auch nach längerem Suchen nicht. Schließlich gebe ich auf, und suche nach einer kurzen Ansprache an einen Polizisten mit der Frage nach dem Vater von Manuela – der zwar freundlich ist, aber eben auch nicht weiterhelfen kann, ein Café im Zentrum auf. Bestelle mir einen Cappuccino. Der kostet gerade 1,30 Euro und schmeckt wie ein Teurer.

Ich frage die Bedienung nach Manuela. Sie schüttelt den dunklen Lockenkopf, aber in dem Moment sagt eine junge Stimme hinter der Theke, dass sie Manuela kennt. Sie zeigt mir ein Bild von Manuela auf ihrem Handy. Ja, das ist sie. Treffer. Sie scheint also noch hier zu wohnen. Nach meiner Stärkung trete ich auf die Straße und setze mich in mein Gefährt. Da nähert sich mir ein Mann in meinem Alter, den ich vorher aus der Bar schon gesehen habe. Er spricht mich in perfektem italienisch an, fragt mich, wie sich das Ding fährt. Als ich sage „molto commodo“ ist er so begeistert, dass er, wenn ich ihn richtig verstehe, von der grenzenlosen Freiheit und dem Abenteuer schwärmt, das das Fahren mit meinem Fahrrad bietet. Er wünscht mir, und das schreibe ich wirklich von Herzen überzeugt, eine tolle weitere und im positiven, abenteuerliche Fahrt.

Danach begebe ich mich wieder in den Teil der Stadt, in dem ich das Elternhaus von Manuela vermute. Fahre in viele kleine Gassen, an deren Ende ich es vor meinen Augen auftauchen sehe. Und als ich schon aufgeben will: plötzlich richtet sich mein Blick nach links und ich sehe sofort die Friedensfahne an der Hausmauer hängen. Bingo. Ich hab´s geschafft. Es geht noch leicht abwärts. Das Eingangstor zum Garten steht offen. Ich bin gespannt, wer hier wohnt. Es gibt zwei Klingeln. Auf der oberen stehen die Namen der Eltern, auf der unteren lebt Manuela mit ihrer Familie.

Endlich! Das kommt mir aber jetzt extrem bekannt vor........Die Flagge des Friedens. Nach den beiden Pässen bedeutet es eventuell auch ein bisschen Frieden für meine geschlauchte Beinmuskuluatur

Endlich! Das kommt mir aber jetzt extrem bekannt vor……..Die Flagge des Friedens. Nach den beiden Pässen bedeutet es eventuell auch ein bisschen Frieden für meine geschlauchte Beinmuskuluatur


Welch ein Volltreffer! Früher hatte Manuela in einem ganz anderen Teil der Stadt gelebt, an den ich mich gar nicht mehr erinnern kann. Vorsichtig bewege ich mein Velo in den Innenhof. Da kommt mir Fulvio, Manuelas Gatte schon entgegen. Er erkennt mich nicht sofort. Aber gleich danach.

Er holt Großvater Augusto aus dem Haus, Manuelas Vater. Wir umarmen uns herzlich. Er ist alt geworden, aber er lebt. Dann kommt Manuela. Sie ist sehr überrascht, erzählt mir, sie hätte im Februar versucht, mich auf Facebook zu orten, was ihr nicht gelungen ist. Wir umarmen uns. Die beiden nun schon fast erwachsenen Kinder kommen hinzu und last but not least, meine alte Freundin Adriana. Die Mutter Manuelas, mit der ich mir in den Achtziger-Jahren ratschenderweise die Nächte um die Ohren geschlagen hatte. Sie laden mich sofort ein, bei ihnen zu übernachten. Meine Schmutzwäsche hat die Waschmaschine schon verlassen und hängt hier neben mir auf der Terrasse zum Trocknen. So. Und jetzt geht es zum gemeinsamen Pizzaessen. Ich freue mich riesig, hier sein zu dürfen.

Ein Festmahl für Sinne und Freundschaft steht uns bevor!!!

Ein Festmahl für Sinne und Freundschaft!!!


Nicht nur die Pizzas sind pünktlich da, auch die ganze Familie sitzt um den Tisch. Es wird ein heiterer Abend im Austausch vieler Erinnerungen und neuer Informationen. Ich frage nach, wie es Bekanntschaften aus alter Zeit heute geht. Keiner ist richtig aus der Gegend von Borgosesia herausgekommen. Manuela, die in einer Schule als Englischlehrerin arbeitet, war in diesem Jahr im Februar mit ihrer Tochter Marta in Berlin. Deutschland gefällt ihr immer noch super. Marta verspricht mir, dass sie mit ihrer Mama nach Deutschland kommt. Manuela bestätigt mir die Absicht in einem späteren Gespräch. Das würde mich wirklich freuen, wenn wie weiter in Verbindung bleiben. Wir tauschen nun die Basis der neuen Kommunikationsmittel aus: facebook, handynummern, etc. Nein. Jetzt dauert es keine zehn Jahre mehr, bis wir wieder voneinander hören.

Das war die Strecke heute:

Strecke: 50,04 Kilometer
Fahrzeit netto: 03:11:42 Stunden
Brutto: von 11:00 h bis ca. 15:00 h
Durchschnittsgeschwindigkeit: 15,66 kmh
Höhenmeter: 609 m

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6.Etappe von Borgosesia nach Cremona

Als mir Manuela am Abend zuvor auf meine Frage nach der Frühstückszeit mit 09:00 Uhr antwortet, lege ich meine fiktive Abfahrtszeit auf 10:00 h fest – mit ein wenig Luft nach oben. Und so geschieht es.

Ich wache gegen 08:00 h auf. Die Sonne lacht zum Fenster herein. Ich stehe auf, trete ans Fenster. Bis jetzt habe ich im Hause noch niemanden wahrgenommen. Aber jetzt sehe Manuela gerade das Haus verlassen. Sie kauft sicher noch für das Frühstück ein. Ich gehe nach oben, nehme meine nun trockene Wäsche vom Ständer. Packe schon das eine oder andere in meine Satteltaschen, um schnell zur Abfahrt bereit zu sein.

Mein geliebtes Radl - vollkommen splitterfasernackt

Mein geliebtes Radl – vollkommen splitterfasernackt


Ich freue mich, nochmal alle Mitglieder der Familie zu sehen, bevor ich mich aufmache durch die Poebene in Richtung Cremona zu radeln. Bis zum Gardasee nach San Felice Del Benaco, wo derzeit mein Freund Ludwig im Urlaub weilt, sind es laut Karte exakt 277 Kilometer. Es gibt eine kürzere Route, aber in meinen Gedanken wollte ich immer schon mal durch die Gefilde des Po pedalieren. Ihn mit meinen kreisenden Beinen zärtlich streicheln, ihm nahe kommen, ihn spüren und ihn en mir verfügbaren Sinnen wahrnehmen, aufsaugen. Seine sanften Kurven mit meinem Körper umrunden und dabei zärtlich berühren.

Aber bevor ich abschweife: zuerst steht ein ausgiebiges Morgenessen an, damit ich für dieses Vorhaben auch gestärkt bin. Die Familie sitzt fast vollzählig beisammen. Nur Mattia fehlt. Der neunzehnjährige Filius von Fulvio und Manuela war gestern Nacht aus, und ist wohl erst spät zurückgekommen. Wir tauschen weiter Infos aus und ich sage Manuela, dass ich nicht möchte, dass wieder zehn Jahre vergehen, ehe wir uns wiedersehen. Sie zieht ihr Handy herbei, wir versuchen eine Whatsapp-Verbindung herzustellen, was aber nicht gelingt. Tauschen Telefonnummern aus. Sie sagt, sie käme auf jeden Fall in diesem Sommer nach den Prüfungen an ihrer Schule nach Deutschland.

Geborgen in der Freundschaft einer italienische Großfamilie

Geborgen in der Freundschaft einer italienische Großfamilie


Sie liebt Deutschland, erzählt begeistert, dass dort – im Gegensatz zu Italien – alles so gut funktioniert ohne ausufernde Bürokratie. Sie sagt, als sie in diesem Frühjahr in Berlin war, hätte ihr eine Dame vor dem Rückflug nach Mailand erklärt, wann sie den Bus nehmen müsse, um da oder dorthin zu gelangen. Dass sie dann dreihundert Meter in die oder die Richtung gehen müsse, wo dann der Zug zum Flughafen ginge, usw. Einfach alles perfekt organisiert und auch perfekt so umgesetzt.

Manuelas Vater schaut kurz herein, will sich von mir verabschieden. Er hat immer einen coolen Spruch auf den Lippen, sehr viel Humor. Wir umarmen uns. Ich bin sehr froh, ihn wieder getroffen zu haben. Ich sehe ihn dann vom Küchenfenster aus mit dem Auto aus dem Hof fahren.
Nach dem Frühstück und einem Blick zur Uhr, es ist mittlerweile nach halb elf, werde ich ein bisschen unruhig. Schließlich habe ich viel vor für heute.

Raus aus dem Aosta-Tal. Ein Gefühl wie im Frühling oder Herbst: kühl, windig, sonnig.

Raus aus dem Aosta-Tal. Ein Gefühl wie im Frühling oder Herbst: kühl, windig, sonnig.


Wir stehen auf und ich sattle mein weißes Stahlross, schiebe es aus der Garage nach draußen in die Sonne. Nun versammelt sich nochmal die ganze Familie, um Abschied zu nehmen. Auf meine Bitte hin schießen wir noch Fotos in diversen Konstellationen. Selbst Mattia ist mittlerweile vom Trubel aus dem Hof aufgewacht und grüßt mich nochmal durch sein Schlafzimmerfenster.
Um 10:50 h ist es Zeit, auseinander zu gehen. Ich setze mich in mein Rad und fahre die kleine Anhöhe rauf, wild meine neue Klingel ausprobierend. Wir winken uns nochmal alle zu. Dann bin ich frei und wieder auf mich alleine gestellt.
Mein erstes Handy-Selfie, und das bei voller Fahrt
Ich orientiere mich bei Sonnenschein und frischem Wind in Richtung Vercelli. Ich habe mir gestern auf den Pappendeckel meiner in der COOP-Apotheke gekauften Aloe-Vera Creme gegen den deftigen Sonnbrand die Route bis Brescia notiert. Einfach von Ort zu Ort. So. Jetzt geht erst mal bergab. Die Räder laufen toll. Die Füße machen mit. Es wird immer besser. Nach Vercelli 53 Km, lese ich. Ich komme dermaßen in Fahrt, wie es so dauerhaft in meinem Leben auf einem Fahrrad niemals war.
Geniales Tempo - viele, viele Kilometer lang. Einfach geil

Geniales Tempo – viele, viele Kilometer lang. Einfach geil

Was Freundschaft alles bewirkt. Oder die Sonne. Oder der Wind, der mal von der Seite, mal von hinten bläst. Ich habe keine sexy Strümpfe an, was gut ist. Ansonsten ziert meine blaue Sportjacke meinen Body über einem Funktionsshirt. Und auch das ist gut so. Genau den herrschenden Temperaturen angepasst.

Ich komme so in Bewegung, dass ich in Euphorie gerate. Mache Fotos bei 35 km/h. Probiere meine Handy aus und mache – Weltpremiere – ein Selfie unter der Fahrt. Selbst ohne dabei Fahrrad zu fahren habe ich noch nie eins hinbekommen.

Die Welt ist schön, und ca. 400 m vor mir taucht plötzlich ein Rennradfahrer auf. Ja, mir wurde in vielen Gesprächen über das Dreiradfahren gesagt, dass man auch schneller als Rennräder fahren kann. Ich habe das bis jetzt weder erlebt, geschweige denn glauben können.

Ein Rennradfahrer in nicht geringem Tempo vor mir. Eine echte Herausforderung an diesem sonnigen Morgen

Ein Rennradfahrer in nicht geringem Tempo vor mir. Eine echte Herausforderung an diesem sonnigen Morgen


Der Mann kommt immer näher. Ahnt noch nichts von mir, denn ich habe meine Kette noch nicht rasseln lassen. 100 m, 70 m, 40 m, ich glaube, ich packe ihn.
Tja - das war´s. Und weg war er, bzw. ich

Tja – das war´s. Und weg war er, bzw. ich


Aber was kommt dann? Sein Ehrgeiz wird erwachen, und innert fünf Minuten werde ich nicht mal mehr seine Hinterräder sehen können, nachdem er mich wieder geschnupft hat. 15 m. Ich reiße die Räder nach links. Ich ziehe an ihm vorbei, höre einen erstaunten Ausruf. Mehr nicht, denn zu schnell war ich zu weit von ihm entfernt. Ungläubig kucke ich in den Spiegel. Nach zwei Minuten kann ich ihn nicht mehr erkennen. Ich bin wie im Rausch. Und das mit 16 Kilogramm Gepäck. Ich fahre und fahre. Keine Schmerzen, einfach geil, Freiheit pur.
Kleine Städtchen auf der Strecke - durchaus pittoresk

Kleine Städtchen auf der Strecke – durchaus pittoresk


Nach zwei Stunden erreiche ich Vercelli. Dann geht es weiter in Richtung Pavía. Meine Aufzeichnungen erweisen sich als Erfolgsmodell. Ort für Ort arbeite ich mich weiter. Es wird immer wärmer. Ich habe die Wetteraussichten für Deutschland gesehen. Ich möchte für immer in Italien bleiben.
Die Reisfelder Norditaliens: die meisten glauben, dass unser Reis aus Asien kommt. Nein, sondern aus der Gegend um Novara

Die Reisfelder Norditaliens: die meisten glauben, dass unser Reis aus Asien kommt. Nein, sondern aus der Gegend um Novara


Nachdem ich bis jetzt nach Süden gefahren bin, wende ich mich jetzt dem Osten zu. Nach Pavía sind es nochmal ca. 70 Kilometer. Klar, kein Problem. So ist es. Nach vier Stunden und 22 Minuten erreiche ich das 122 Kilometer entfernte Pavía. Jetzt ist es Zeit eine kleine Pause zu machen. Es ist heiß geworden, 27 Grad, also Sommer in Italien.
Dieser Kirchturm ist ein Beispiel für eine Version von NSA innerhalb der katholischen Kirche?!? - offen wie gewohnt, aber natürlich nicht mehr ganz up to date

Dieser Kirchturm ist ein Beispiel für eine Version von NSA innerhalb der katholischen Kirche?!? – offen wie gewohnt, aber natürlich nicht mehr ganz up to date


Ich chauffiere ins Zentrum. Enorm viele Touristen tummeln sich hier. Ich stelle mein Bike an einer
Vercelli

Vercelli

Kneipe ab, von der ich mir auch was zu essen erhoffe. Die erstaunten Augenpaare der in den umliegenden Cafés und Bars sitzenden Menschen richten sich auf das komische Gefährt, das sie da unvorbereitet zu sehen bekommen. Als ich schon in der Bar sitze, verlässt eine Gruppe älterer Männer und Frauen ein Café und fachsimpelt vor meinem Fahrrad. Ich lade sie ein, es auszuprobieren.
Anfahrt auf Pavía

Anfahrt auf Pavía


Aber daran besteht dann doch kein Interesse. Ich frage in der Bar nach etwas zu essen. Aber sie haben nichts. Aufgrund der sommerlichen Hitze bestelle ich mir eine eiskalte Cola und nacheinander zwei Capuccini. Komisch. Ich bemerke mit Erstaunen, dass ich gar keinen Hunger habe.
Eine Fatamorgana. Wahrscheinlich muss ich mein hohes Tempo irgendwann büßen. Aber so schnell war ich auf solch eine Streckenlänge noch nie, gefahren an einem Stück ohne Pause

Eine Fatamorgana. Wahrscheinlich muss ich mein hohes Tempo irgendwann büßen. Aber so schnell war ich auf solch eine Streckenlänge noch nie, gefahren an einem Stück ohne Pause


Schwinge mich nach einer halben Stunde wieder auf mein Rad mit dem nächsten Ziel: Cremona. Nachdem ich kurz nach dem Weg gefragt habe, geht es auch schon los. Etwas verwirrend sind die Kilometerangaben in Italien. Zuerst bin ich positiv überrascht: nur 65 Kilometer.
Plötzlicher Sandsturm in der Pampa

Plötzlicher Sandsturm in der Pampa


Dann auf der Fahrt sind es plötzlich 80 Km. Ich bin irritiert. Man ist bei dieser Menge der geplanten Fahrradkilometer doch dankbar, wenn die Angaben genau sind und man sich dann Enttäuschungen erspart, wenn plötzlich nach fünf Kilometern Fahrt eine größere Entfernung zum Ziel angeschrieben ist als am letzten Infoschild.

Den kommenden Streckenabschnitt könnte man unter der Überschrift „Leichen pflasterten seinen Weg“ laufen lassen, und darüber hinaus unter dem Motto: „ was tue ich, wenn der Wind sich dreht!?“

Genau diese Dinge passieren jetzt. Der Wind dreht sich. Er weht plötzlich von Osten und möchte das auch nicht mehr ändern, der Gute. Jetzt beginnt die Herausforderung.

Keine Fatamorgana: eine Bestätigung dessen, was meine Beine minütlich spüren: stürmischen Gegenwind auf dem Weg  nach Cremona

Keine Fatamorgana: eine Bestätigung dessen, was meine Beine minütlich spüren: stürmischen Gegenwind auf dem Weg nach Cremona


Es ist heiß, die Straßen sind teilweise so schlecht, dass mein Bike dermaßen durchgeschüttelt wird, dass ich denke ich werde aus dem Sitz herauskatapultiert. Natürlich ist der Straßenzustand am rechten Rand am Schlechtesten. Aber in die Mitte auszuweichen bei dem Höllentempo, das ich stellenweise immer noch drauf habe, ist extrem gefährlich. Könnte ich doch trotz Rückspiegel mal ein Auto übersehen.

Am Straßenrand können sich Wildschweine, Füchse, Hunde und Katzen nicht mehr mit mir anfreunden. Sie sind alle tot. In Italien ist es nicht so wie in Deutschland, dass die kommunale Kadaverbeseitigung innerhalb zweier Tage den Straßenrand wieder freimacht von toten Tieren. Es riecht teilweise sehr streng nach Aas. Leider übernehmen keine Aasgeier die Aufgabe der Kommunen, weil die Einbürgerungsbestimmungen in Italien dahingehend noch nicht so weit fortgeschritten sind.

Der (Gegen-)Wind ist mittlerweile so stark geworden, dass das Wort Wind eher untertrieben und Sturm das richtige Wort wäre. Ich wundere mich. Denn ich komme trotzdem gut voran. Nicht, dass es angenehm wäre, aber unter 20 km/h fahre ich selbst bei Böen nicht. Ich denke, dass die Windstärke bei mindestens fünf bis sieben liegt. Und das ist ordentlich, wenn man dagegen anfahren muss.

Das Ziel rückt näher

Das Ziel rückt näher

Ich stelle mir immer vor, dass ich mit meinem Trekkingrad höchstens noch 13 bis 17 km/h fahren könnte. Mit in jedem Fall höherem Anstrengungsfaktor. Und dass ich spätestens nach zwei Stunden aufgegeben hätte.

Es geht komischerweise doch recht schnell voran. Richtig befriedigt bin ich, als ich an einer Autobahnauffahrt lesen darf, dass in Richtung Osten stürmischer Wind zu erwarten ist. Wenn das schon für Autofahrer angezeigt wird, was muss das für einen Radfahrer bedeuten. Ich bin einmal mehr stolz auf mich. Plötzlich wird die Straße nass. Ich habe ein Gewitter knapp verpasst und muss mit den Ergebnissen kämpfen. Wasser spritzt mir ins Gesicht. Die Straße wird auch nicht besser. Es schüttelt mich weiterhin ordentlich durch. Kurz kommt der Gedanke auf, mir ein Hotel zu suchen. Aber da erwacht schon wieder mein Ehrgeiz.

Endlich in Cremona nach heftigem Gegenwind, Frühling mit Wind, Sommer mit Hitze, und jetzt am Abend mit gehöriger Kälte

Endlich in Cremona nach heftigem Gegenwind, Frühling mit Wind, Sommer mit Hitze, und jetzt am Abend mit gehöriger Kälte


Nein. Bis Cremona möchte ich es heute schaffen. Den ganzen Tag geht mir mein persönlicher Weitenrekord von 206 Fahrradkilometern an einem Tag nicht aus dem Kopf. Und die Möglichkeit, ihn heute zu brechen. Ich bin vor einigen Jahren mal um 08:00 h morgens in Brüssel losgefahren. Dann an einem Tag mit leichter Westwind-Unterstützung und flachem Untergrund nach gut zehn Stunden um kurz nach 18:00 h in Moers bei Duisburg angekommen. Werde ich die Kraft haben, das zu schaffen.

Endlich kommt Cremona in Sicht. Ich bin schon recht fertig. Vor allem die Temperaturen haben sich geändert. Es wird immer kälter. Und als ich endlich die Stadt erreiche, hat es nicht mehr als drei oder vier Grad. Echt winterlich. Total durchfroren hieve ich mich aus dem Rad. Ja klar. Der Po ist ok. Aber die Oberschenkel schmerzen. Gut 189 Kilometer. Den Rekord nicht geknackt. Aber in einer fantastischen Zeit: knapp über 7,5 Stunden.

Cemona - menschenleer am Abend bei eisiger Kälte vor dem Nationalfeiertag der Italiener

Cemona – menschenleer am Abend bei eisiger Kälte vor dem Nationalfeiertag der Italiener


Ich fahre ins Foyer des Hotels ein, das mir sofort entgegen lacht und das ich ohne Umschweife sofort aufsuche. Erhalte problemlos ein Einzelzimmer. Darf mein Bike in einem speziellen Fahrradraum unterbringen. Ich schleppe mich und mein Gepäck in den vierten Stock. Dusche mich. Fühle meinen Körper kaum mehr. Außer den Schmerzen natürlich. Trotzdem. Ich habe Hunger. Möchte noch ein bisschen von
Beeindruckend.....

Beeindruckend…..

Cremona entdecken. Ich gehe nach einer heißen Dusche nach draußen und finde eine tolle Pizzeria. Leider muss ich warten, da alle Plätze besetzt sind. Das Lokal wurde mir kurz vorher von einem Pärchen auf meine Nachfrage hin empfohlen. Deshalb bin ich auch nicht bereit, im kalten Cremona noch weiter zu suchen.

Die Dame an der Kasse, die mich am Eingang zum Warten aufgefordert hat, nötigt mir, nachdem sie mir dann doch relativ rasch einen Tisch zugewiesen hat, sehr großen Respekt ab. Sie wieselt zwischen den Tischen hin und her. Bringt Pizzas. Nimmt Bestellungen auf. Rennt wieder nach vorne an den Eingang, um Neuankömmlinge auf Wartezonen zu verweisen. Zwischendurch erhalte ich ein seltsames Weißbier, das wirklich sehr bescheiden schmeckt und aus Frankreich stammt. Aber weil ich so begeistert von der dieser Dame bin, bemerke ich das kaum. Die Pizza jedoch, mit Auberginen belegt, mundet großartig. Nach einer Stunde taucht auch noch ein durchgeschwitzter junger Mann mit einer langen blonden Mähne auf.

Er muss, von mir unbemerkt, auch enorm viel gearbeitet haben. Und weil er zudem auch noch so freundlich zu den Gästen ist, lobe ich ihn, als er bei mir vorbeigeht, diesbezüglich sehr. Er freut sich ungemein darüber. Möglicherweise wird viel zu viel erwartet, selten gesehen und noch viel seltener gelobt, was man als Kunde nur möglicherweise bemerkt. Aber dieser Mann war glücklich. Erzählt mir gleich noch ein bisschen von seinem Leben. Und baut bei mir den Mut auf, meine Beobachtungen bezüglich der Dame an der Rezeption auch lobend an eben diese weiter zu geben.
Das mache ich beim Bezahlen auch. Auch sie freut sich sehr über dieses Wahrnehmung. Warum machen wir Menschen das eigentlich nicht ständig? Ich meine: jeder hat doch etwas, wofür er gelobt und beachtet werden kann. Ich denke, die Welt wäre wirklich besser, wenn wir uns gegenseitig mehr lobende Beachtung schenken würden.

Als ich das Lokal verlasse, hat es mittlerweile stark zu regen begonnen. Ich verlaufe mich im Straßendickicht Cremonas. Das Wasser rinnt mir die Jacke hinunter. In den Kneipen tummeln sich viele Italiener, die sich in Vorbereitung des morgigen Nationalfeiertags schon mal warm trinken.

Nach dem Essen: Schnürlregen wie in Salzburg, Kälte, alle Italiener in Hab-Acht-Stellung in den Kneipen der Stadt. In der Hoffnung auf besseres Wetter morgen an IHREM Feiertag

Nach dem Essen: Schnürlregen wie in Salzburg, Kälte, alle Italiener in Hab-Acht-Stellung in den Kneipen der Stadt. In der Hoffnung auf besseres Wetter morgen an IHREM Feiertag


In einem Moment purer Verzweiflung aufgrund Nässe, Kälte, Müdigkeit und anderer Widrigkeiten werde ich mal wieder ganz Frau. Ich betrete eine Kneipe und frage nach dem Weg. Und siehe da, LIEBE MÄNNER, zwei Minuten später erreiche ich glücklich und wohlbehalten mein Hotel. Und finde sofort erholsamen Schlaf nach einem wirklich außerordentlichen Tag.

Und so war es in Zahlen:

Strecke: 189,35 Kilometer
Fahrzeit netto: 07:31:35 Stunden
Brutto: von 10:50 h bis ca. 19:00 h
Durchschnittsgeschwindigkeit: 25,15 kmh
Höhenmeter: 315 m

Veröffentlicht unter Radreise April 2016_Bodensee - Schweiz - Italien - Bozen | Hinterlasse einen Kommentar

7. Etappe von Cremona nach Peschiera mit Abstecher nach Saló

Gespannt gehe ich nach dem Aufwachen an das mit einem Vorhang geschlossene Fenster, schiebe ihn ein wenig beiseite, und schaue verzückt den schmalen Schacht nach oben. Ich habe schlimmstenfalls totalen Schnürlregen erwartet. Und was passiert: ich erkenne einen tiefblauen Himmel. Das macht den Gedanken an das Weiterfahren nach der gestrigen Hammeretappe schon leichter. Ich habe recht gut geschlafen und bin einigermaßen frisch erwacht.

Cremona am Morgen des Nationalfeiertags -  strahlender Sonnenschein trotz Dauerregenvorhersage

Cremona am Morgen des Nationalfeiertags – strahlender Sonnenschein trotz Dauerregenvorhersage

Cremona- weitere Eindrücke

Cremona- weitere Eindrücke


Der erste Muskeltest verläuft auch nicht schlecht, wobei mir wie gestern, am linken Bein die rechte Seite unterhalb der Kniekehle schmerzt. Ich hoffe, dass ich trotzdem fahren kann. Aber zuerst gibt es mal ein Frühstück. Ich begebe mich mit dem Aufzug nach unten.

In Gedanken freue ich mich für die gesamte italienische Nation, die sich so herausgeputzt, die Fahnen an die Fenster gehangen hat. Die gestern Abend bei strömendem Regen die Kneipen bevölkert hat. Einen freien Tag vor sich. Nationalfeiertag, am 25. April. Und heute also doch Kaiserwetter, wenngleich es schon sehr kühl ist. Im Übrigen ist das auch mein Namenstag. Wie schön, dass mich schon wieder etwas mit meinem geliebten Italien verbindet.

Das Gebäude zum Nationalfeiertag. Dafür ist die Inschrift erstellt worden

Das Gebäude zum Nationalfeiertag. Dafür ist die Inschrift erstellt worden


Das Frühstück gehört zur üppigeren Sorte hier. Obwohl der Ananassaft sehr seltsam, wenn nicht sogar etwas modrig schmeckt. Ich konzentriere mich danach auf grünen Tee und auf Blutorange aus dem Saftspender, der vier verschiedene Fruchtsäfte zur Auswahl bietet.

Es sind auch andere Gäste in diesem großen und ohne Fenster ausgestattetem Frühstücksraum, der aber bei weitem nicht gefüllt ist. Eine Familie mit zwei halbwüchsigen Kindern sitzt neben mir. Vorne ein Pärchen. Hätte gerne mit dem Mann getauscht. Seine Frau oder Freundin ist mein Typ. Aber da das nicht möglich ist, freue mich für ihn.

Cremona, schon wieder

Cremona, schon wieder


Ich lange ordentlich zu. Schließlich brauche ich Energie für die nächste, nicht unerhebliche Etappe. Obwohl es bis zum Gardasee nicht mehr ganz so weit zu fahren ist. Ich tippe auf 80 oder 90 Kilometer bis Saló bzw. San Felice Del Benaco. Ich gehe davon aus, dass sich dort mein sehr guter Freund Ludoviko im Urlaub befindet.
Spaziergänger im Park

Spaziergänger im Park

Er fährt immer hierher, zweimal im Jahr, wenn es ihm möglich ist und erholt sich dort von seinem Job in der Ruhe der Noch-Nicht-Saison oder Nachsaison am Gardasee in einem gemieteten Häuschen an einem kleinen, aber feinen Campingplatz in San Felice.

Ich lasse mir nach dem Bezahlen an der Rezeption noch den Weg aus der Stadt in Richtung Brescia von der freundlichen Dame erklären, die mir gestern Nacht noch Platzregen für heute vorausgesagt hat.
Die Luft ist kühl, als ich nach draußen fahre. Ja, mit dem Fahrrad aus dem Hotel. Das hat was. Nachdem ich das Gefährt aus seiner Garage in einem Raum beim Foyer herausgeschoben habe. Ich wende mich dem Domplatz zu, von dem laute Blasmusik herüberweht. Es wird schon munter das Ende des Zweiten Weltkrieges gefeiert.

Ich finde gut aus der Stadt, beobachte die blauen Schilder, die Brescia ausweisen. Plötzlich sehe ich ein Fahrradverbotsschild. Nein, hier weiter zu fahren, darauf lasse ich mich nicht ein. Ich beobachte mein eingeschaltetes Navi, das aber insgesamt nur sehr unzuverlässige Dienste erbringt. Vor allem reagiert es allgemein sehr träge. So auch jetzt. Ich schieße nicht nur auf eine Landstraße, sondern, was ein nachträglicher Blick auf das Gerät mir zeigt, auch noch über das Ziel hinaus. Muss wieder umkehren. Biege in die angezeigte Straße ein, bekomme fortan immer wieder die Maßgabe „bitte wenden“. Ich fahre trotzdem weiter, orientiere mich an der Sonne. Warum sie nicht nutzen, wenn sie schon mal scheint.

Es ist zwar schön, aber immer noch bläst ein frischer Wind. Das Ganze unterstreichen die schneebedeckten Alpen, die mit jedem Kilometer näher rücken

Es ist zwar schön, aber immer noch bläst ein frischer Wind. Das Ganze unterstreichen die schneebedeckten Alpen, die mit jedem Kilometer näher rücken


Also nach Norden. Und plötzlich geht es nach links auf eine breitere Landstraße. Und was darf ich lesen? Via Brescia. Perfetto. Ab jetzt fahre ich einfach geradeaus. Ich merke natürlich ein bisschen, dass ich mich von der Poebene zu den Alpen hin bewege. Es geht leicht und stetig bergauf. Auch hier liegen eine Menge tote Tiere am Straßenrand. Die Straße ist oftmals sehr schlecht und immer wieder werden mein ungefedertes Fahrrad und auch ich heftig durchgeschüttelt. Brescia und die aus der Ferne erkennbaren, schneebedeckten Berge rücken immer näher an mich heran.
Kleines Städtchen auf der Strecke

Kleines Städtchen auf der Strecke


Ich bin zufrieden mit dem Tempo. 16 Kilometer vor der Kreisstadt Brescia erkenne ich die braungefärbte Ausschilderung zum Gardasee, der ich sofort folge. Mein Navi will mich irgendwo abgebogen wissen, ich fahre aber weiter nach Desenzano. In der Stadt reihe ich mich in den Stau nach Saló ein. Ein kleiner Nachteil des Dreiradfahrens. Ich kann nicht so locker an Staus vorbeifahren wie mit dem Zweirad. Es geht nur, wenn die Autos sich recht weit links vom Straßenrand halten. Dann ist auch immer wieder mein linker Arm gefragt. Ich winke oft intensiv, weil ich davon ausgehe, dass die Autofahrer selten in den rechten Rückspiegel schauen, weil sie nicht ständig fast am Boden entlang fahrende Trikes neben ihrem Auto vermuten.
Schönheit auf der Fahrt in einem wundervollen Land

Schönheit auf der Fahrt in einem wundervollen Land


Nach Kilometer 80 beginnen heute wieder enorme Schmerzen in den Füßen, insbesondere in den Zehen des rechten Fußes. Keine Ahnung, was da los ist. Ich versuche immer entgegenzuwirken, indem ich ausklicke und meinen Fuß auf die Mittelachse des Rades stelle und nur mit dem linken Bein weitertrete. Das hilft meist schnell und sorgt für Entlastung.
Gegen 15 erreiche ich den Campingplatz. Bin gespannt, ob Ludwig da ist. Er hat mir vor ein paar Wochen gesagt, dass er vorhat, um diese Zeit in Italien zu sein. Ich halte an der Rezeption. Eine schwarzhaarige Italienerin begrüßt mich freundlich mit einem Lächeln, schaut in ihrem Verzeichnis nach, möchte wissen, wer ich bin (sie bittet mich, meinen Namen auf einen roten Zettel zu schreiben). Gut. Ludwig ist auf jeden Fall hier in Italien, mal sehen, ob er gerade auch auf dem Campingplatz ist.
Endlich am Campingplatz meines Freundes in San Felice del Benaco

Endlich am Campingplatz meines Freundes in San Felice del Benaco


Dann lasse ich mich wieder in mein Fahrrad fallen. Und ehe es der jungen Frau gelingt, die Schranke zu heben, bin ich unten durch gefahren. Ich fahre langsam über einen Kiesweg zum Restaurant des Campingplatzes. Steige ab, und wandere den kleinen Berg über einige Steinstufen hinauf, wo ich die Unterkunft Ludwigs vermute.

Mein Freund, der nach einigen Tagen Urlaub schon recht entspannt erscheint

Mein Freund, der nach einigen Tagen Urlaub schon recht entspannt erscheint

Er sitzt gerade, dick eingemummelt, um sich vor dem kalten Wind zu schützen, und mir den Rücken zuwendend, auf dem kleinen Balkon seiner Unterkunft. Als ich ihn gleich anspreche, tut er so, wie wenn er mich bereits gesehen und mich genau jetzt erwartet hat. Ich gehe zu ihm hinüber auf seinen Balkon. Wir begrüßen uns herzlich mit einer Umarmung.
Zuallererst stürze ich mich auf seine Wasser- und Schokoladenvorräte, ehe wir beide uns ins Restaurant hinunter begeben und zusammen Kaffee trinken. Wir ratschen eine Zeitlang und beschließen, nicht zur Pizzeria unserer gemeinsamen Freunde Franco und Michaela nach Saló zu fahren, sondern gleich hier am Platz unser Abendessen einzunehmen.
Der Blick von San Felice aus hinüber zur Hundeschnauze von Manerba

Der Blick von San Felice aus hinüber zur Hundeschnauze von Manerba

Ich möchte endlich meine geliebten Spaghetti aglio e oglio e peperoncino essen. Aber wieder habe ich Pech. Auch hier steht das Gericht nicht auf der Speisekarte. So entscheide mich für eine Pizza Vegetariana, die jedoch geradezu vorzüglich mundet.

Um 19:30 verabschieden wir uns wieder und ich mache mich noch auf den Weg in Richtung Malcesine, so lange es noch hell ist. Vor Desenzano bildet sich ein langer Stau der vielen Italiener, die einen verlängerten Wochenendausflug aus Mailand oder Verona an den Gardasee unternommen haben. Manchmal kann ich ganz gut am rechten Fahrbahnrand daran vorbeifahren. Manchmal bin ich aber auch gezwungen anzuhalten. Sicher noch ein kleiner Nachteil des Liegeradfahrens: man ist näher an den Auspuffen der Autos dran.

Der Blick vom Restaurant des Campingplatzes in San Felice auf den Gardasee.

Der Blick vom Restaurant des Campingplatzes in San Felice auf den Gardasee.


Und der Spaß vergeht mir mehr und mehr, als ich mich plötzlich an einer neu ausgebauten Schnellstraße befinde. Das macht zwar irgendwie das Fahrradfahren auch schneller. Und es wird immer dunkler, und es findet sich keine Ausfahrt so schnell. Zum Glück ist nur auf der Gegenseite so viel Verkehr, dass es sich auch dort staut. Schließlich kommt doch die Ausfahrt nach Peschiera. Ich bin erleichtert, weil mich die letzten Minuten doch recht gestresst hatten. Zwar habe ich während einer kleinen Pause in Desenzano meine mitgebrachte Stirnlampe an meinem Kopf angebracht, um besser gesehen zu werden. Aber das war nur eine kleine Hilfe. Selbst sehen konnte ich praktisch nichts, und das bei sehr rasanter Fahrt bei nun mehr vollständiger Dunkelheit.

Das erste Hotel in Peschiera erscheint nach ein paar Minuten. Ich biege sofort auf den Hof und nehme mir dort ein Zimmer mit Frühstück. Das funktioniert wirklich reibungslos. Gegessen habe ich ja schon am frühen Abend mit Ludwig. So setze ich mich noch in den Frühstücksraum und genieße noch ein Abend-Bier.

Die Statistik:
Strecke: 117,61 Kilometer
Fahrzeit netto: 05:15:26 Stunden
Brutto: von 11:10 h bis ca. 21:00 h
Durchschnittsgeschwindigkeit: 22,37 kmh
Höhenmeter: 567 m

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8. Etappe von Peschiera nach Bolzano

Mein Blick nach dem Aufwachen fällt direkt auf die Hauptstraße, auf die Gardesana Orientale. Es ist wenig los da unten, aber das Wetter ist prächtig. Beschwingt raffe ich meine Siebensachen zusammen. Und begebe mich zum Frühstücken. Auch hier kann sich dieses sehen lassen. Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten trinke ich zwei Tassen Capuccino, etwas Fruchtsaft, und ernähre mich ansonsten vegetarisch mit Käse, Gurken und Tomaten auf dem Brot.
Da ich vor dem Mahl schon das Bezahlen erledigt habe, schleppe ich meine Taschen zum Fahrrad, das ich draußen auf dem Parkplatz neben den Autos, durch eine Hecke als Sichtschutz von der Straße verdeckt, am Vorabend abgestellt habe.

Gardaland macht Tourismus möglich

Gardaland macht Tourismus möglich


Ich ziehe meine Reizstrümpfe wieder aus. Es erscheint mir in der Sonne zu warm. Auch meinen Nierengurt gegen kalten Wind verpacke ich wieder in meinen Taschen. Und los geht´s. Ich biege nach links in die Gardesana ein und lasse meine Reifen rollen. Fahre durch Lazise, an Gardaland vorbei, passiere Bardolino und Garda. Langsam zieht sich der Himmel mehr und mehr zu, ohne dass ich sagen könnte, dass sich die Sonne total verabschieden würde. Aber je mehr sie sich zurückzieht, umso empfindlich kühler wird es. Trotzdem fahre ich tapfer und mit hoher Geschwindigkeit weiter.
Das ist wirklich was für mich. Rock´n Roll, das ist mein Leben

Das ist wirklich was für mich. Rock´n Roll, das ist mein Leben


Was mich ein wenig umtreibt ist eine Steigung in Torbole. Die habe ich vor einem guten halben Jahr mit meinem Trekkingrad kaum bezwungen. Und da ich gestern feststellen musste, dass ich nicht auf das kleine vordere Ritzel schalten kann, weil der Umwerfer leider – nicht umwerfenderweise – einfach die Kette nicht umwirft, habe ich doch Bedenken, ob ich das schaffe. Aber, so viel ich auch überlege, es fällt mir keine Alternative ein. Bis nach Riva zu fahren und dann mich in unbekanntes Terrain zu begeben, nein, das riskiere ich lieber nicht.
Ausufernder Gardasee bei Malcesine

Ausufernder Gardasee bei Malcesine


Und als ich Torbole erreiche ist mittlerweile auch die Sonne weg, und nicht nur deshalb, weil ich ein paar unangenehme ca. 100 Meter lange Tunnel durchfahren muss. Ich finde den Aufstieg auch sofort und fahre einfach drauf los. Gleich zu Beginn kommt mir eine Gruppe älterer Herrschaften entgegen.
Hinter Torbole beim Anstieg. Der Blick nach unten

Hinter Torbole beim Anstieg. Der Blick nach unten

Den Anstieg immer im Blick, allerdings im Rück-BLICK

Den Anstieg immer im Blick, allerdings im Rück-BLICK


Mit Elektromotoren an den Gepäckträger geschraubt. Ich denke, für was braucht man zum nach unten fahren Unterstützung. Einige der älteren Damen machen mir durch ein paar Ausrufe der Achtung Mut. Es ist wirklich sehr, sehr steil. Aber langsam, ganz langsam komme ich nach oben. Die Kette hält. Meine mehrmaligen Versuche, nochmals auf die leichtesten Gänge zu schalten, misslingen erneut. Also gut. Es wird auch so gehen. Nun eine Rechtskurve.
Kurz vor Torbole auf der Gardesana Occidente

Kurz vor Torbole auf der Gardesana Occidente


Dann geht es sieben, achthundert Meter weit weiter steil nach oben. Aber es geht voran. Es ist kein Stress, denn ich kann auch ganz lentissimo fahren. Ich falle ja nicht um. Ich fange an zu genießen. Oben trifft sich wieder eine Gruppe von Radfahrern, die dann gesammelt den Weg nach unten antritt. Das geschieht so mehrere Male, während ich mich hochkämpfe. Ich merke, wie ich müde werde. 120 Höhenmeter auf dem vergangenen gefahrenen Kilometer. Das geht an die Substanz. Es wird immer mühseliger. Aber schließlich schaffe ich es bis ganz nach oben, bin aber ganz schön außer Puste. Fast 150 Höhenmeter auf nicht einmal eineinhalb Kilometer. Ich bin einmal mehr stolz auf mich.
Ein letzter Blick auf meinen geliebten Gardasee. Jetzt geht es weiter Richtung Alpen

Ein letzter Blick auf meinen geliebten Gardasee. Jetzt geht es weiter Richtung Alpen


Endlich entspannt fahre ich dann durch Nago und suche mir den Fahrradweg nach Rovereto, den ich auch gleich finde. Jetzt geht es durch die Weinberge, was unschwer am intensiven Schwefelgeruch zu erkennen ist. Weil ich darauf so stehe, nutze ich ein zwischen dem Wein stehendes Bänklein zur Rast, und, weil es so zapfig geworden ist und die Sonne sich gänzlich vom Acker gemacht hat, zum Ankleiden meiner Windstopper. Ich schaue mich verschämt um. Nicht, dass das jemand mitbekommt.
Zwischen Gardasee und Etschtalradweg kurz vor Rovereto

Zwischen Gardasee und Etschtalradweg kurz vor Rovereto

Der Etschtalradweg. Ich habe ihn sofort gefunden.

Der Etschtalradweg. Ich habe ihn sofort gefunden.


Danach läuft es weiter bergauf. Ich halte an, als ich ein Pärchen an einer Tafel stehen sehe, die mich vorhin, als ich auf der Bank saß, während meiner kurzen Rast, schon begrüßt hatten. Ich spreche ein wenig mit den beiden aus Moro stammenden über die Vor- und Nachteile des Liegeradfahrens. Der Gatte meint auch noch, dass nach zweihundert Metern die Passhöhe erreicht ist. Ich bin dankbar, denn so früh habe ich das noch gar nicht erwartet, habe noch mit ca. sieben Kilometern steilen Bergfahrens gerechnet.
Mittagspause in Trento

Mittagspause in Trento

Eindrücke aus Trento, während ich verzweifelt die Etsch suche

Eindrücke aus Trento, während ich verzweifelt die Etsch suche


Und in der Tat, nach einigen nochmals anstrengenden Minuten geht es plötzlich bergab in Richtung Rovereto. Ich bin erleichtert, dass sich meine Muskeln nun endlich erholen können. Die Räder laufen leicht. Es fängt ein bisschen zu tröpfeln an und ich hoffe inständig, dass es sich nicht einregnet. Ich finde den Etschtalradweg sofort. Kurz vor Rovereto biege ich dazu von der Landstraße aus Nago kommend, scharf rechts ab. Dann geht es nochmal steil abwärts, und schon bin ich im Etschtal. Ein perfekt ausgebauter Radweg zum Brenner hinauf schont meinen lädierten Rücken nach all den schlechten Wegen, die ich mit meinem ungefederten Fahrrad durchfahren habe in den letzten Tagen.
So gründlich, so glatt - der Radweg an der Etsch ist wirklich geeignet für ungefederte Räder. Und das Wetter spielt auch mit. Starker Südwind und sanfte Steigung

So gründlich, so glatt – der Radweg an der Etsch ist wirklich geeignet für ungefederte Räder. Und das Wetter spielt auch mit. Starker Südwind und sanfte Steigung


Plötzlich geht es in Sieben-Meilen-Schritten voran. Der starke Wind aus Süden trägt dazu vehement bei. Der Wettergott hat also ein Einsehen mit mir. Es regnet auch nicht, wenngleich sich die Sonne nur selten mal für ein paar Minuten zeigt. Insofern ist es auch frisch. Aber meine elektronische Tachonadel fällt nur noch selten unter 28 kmh. Das macht Spaß und spornt zu intensivem Treten an. Ich komme voran und bin schon gegen 15:00 h in Trento. Hier ist es Zeit eine kleine Pause zu machen. In einem Café an einer belebten Straße zurre ich mein Fahrrad an einem Stuhl aus Eisen fest, den bei diesen kühlen Temperaturen sowieso keiner benutzt. Die Gäste nehmen ihren Kaffee lieber im Warmen ein, und begeben sich ins Innere des Gebäudes. So auch ich. Ich trinke einen Capuccino, esse eine Kleinigkeit. Nach einer Rast von einer knappen Stunde raffe ich mich auf zum letzten Abschnitt. Heute Abend möchte ich in Bozen sein. Das dürften von hier noch ca. 70 Kilometer sein. Ich steuere mein Rad durch den Feierabendverkehr von Trento. Hier ist volle Konzentration gefragt. Ich finde den Radweg nicht sofort. Wo ist nur die geliebte Etsch, deren eine Flanke mich befreit von Abgasgestank und Lärm. An deren Seite ich mich schmiegen und meine Sportlichkeit genießen kann.
Ganz Frau halte ich schließlich eine alte Dame auf, die just in diesem Moment eine belebte Straße überqueren will, am Fuße einer Brücke, die aber nicht die Etsch überschlägt, wie ich schon feststellen durfte. Die Dame schickt mich trotzdem über diese Brücke. Das sei schon der richtige Weg. Nach wenigen hundert Metern würde ich direkt auf den Fluss und damit auch auf den Radweg treffen. Erleichtert stelle ich fest, dass diese Frau zu hundert Prozent die Wahrheit gesagt hat. Nun also auf zum letzten Abschnitt meiner Radreise. Nach Bozen.
Der Wind treibt mich weiter voran. Das Wetter hält und auch die Frisur. Ich bin so euphorisiert, dass ich nicht mehr auf meinen Körper achte. Ich fahre und fahre, trete und trete. Sehe vor mir einen Rennradler. Ich will ihn wieder packen. Ziehe meine Kamera heraus und drehe einen kleinen Film über die Verfolgungsfahrt. Er kommt mir immer näher bzw. ich ihm. Ich wundere mich selbst über meine Kraftreserven und ziehe an ihm vorbei. Schnell ist er aus meinem Blickwinkel im Spiegel verschwunden. Während einer kleinen Pause etwas später überholt er mich wieder, und dann bekomme ich von ihm nur noch sein Hinterrad zu sehen. Aber jetzt sind wir schon kurz vor Bozen. Endlich. Ich merke, wie fertig ich eigentlich bin. Will eigentlich in eine Pension etwas vor Bolzano gehen, in dem ich letztes Jahr schon mal auf einer Radreise übernachtet habe. Ich finde aber die Ausfahrt nicht und bin plötzlich mitten in der Innenstadt.
Endlich in Bozen an der Endstation der Reise.

Endlich in Bozen an der Endstation der Reise.


Ich orientiere mich in die Altstadt. Und auch Richtung Bahnhof. Morgen möchte ich von hier nach München fahren. Da ich bereits am kommenden Freitag in einem Seminar bin, ermöglicht mir das noch einen Ruhetag. Und nach fast tausend Kilometern ist es jetzt auch gut. Das Wetter hält noch und die tiefstehende Sonne blendet mich, als ich mich nach einem günstigen Hotel oder einer Pension umschaue, in dem ich langsam vom Bahnhof ausgehend ins Zentrum radle.
Es dauert noch ein wenig bis ich fündig werde. Stelle erst mal mein Fahrrad an einem mir sehr teuer erscheinenden Hotel ab. Begehe einige dieser Etablissements. Aber die Preise hier sind gewaltig. Nur um ein paar Stunden Erholung zu finden, brauche ich keinen Luxus. Schließlich entscheide ich mich für ein Hotel, binde mein Fahrrad draußen an. Die Sorgen der Empfangsdame, dass es an diesem Platz gestohlen werden könnte, teile ich nicht. Ich mache mir über solche Fälle eher wenig Gedanken.
Mein nicht ganz billiges Hotel in Bozen. Aber die Wandfarbe ist schön, gell!?

Mein nicht ganz billiges Hotel in Bozen. Aber die Wandfarbe ist schön, gell!?

Sieht doch glänzend aus im wahrsten Sinne des Wortes in der Bozener Abendstimmung. Mein Hotel hatte Sorge, dass das Rad auf der Straße über Nacht geklaut wird. Da hatte ich totales Vertrauen, dass das nicht passiert. Wer will sowas schon klauen, wenn er im ersten und wichtigsten Moment gar nicht weiß, wie er das Gefährt von der Stelle bekommt

Sieht doch glänzend aus im wahrsten Sinne des Wortes in der Bozener Abendstimmung. Mein Hotel hatte Sorge, dass das Rad auf der Straße über Nacht geklaut wird. Da hatte ich totales Vertrauen, dass das nicht passiert. Wer will sowas schon klauen, wenn er im ersten und wichtigsten Moment gar nicht weiß, wie er das Gefährt von der Stelle bekommt


Dann suche ich mir ein nettes Restaurant und bestelle mir? Ja, ihr werdet es kaum glauben: spaghetti aglio et oglio. Und das, obwohl diese Art der Nudelzubereitung nicht mal auf der Karte steht. Aber ich fasse mir endlich ein Herz und frage ganz einfach. Ich bin sehr hungrig und verschlinge meine Lieblingsspeise, von der ich ein besonders große Portion bestellt habe, auf einen Sitz, wie man in Bayern so salopp sagt.
Und dann geht es schon ab ins Bett für eine gehörige Mütze voll Schlaf.

Strecke: 170,93 Kilometer
Fahrzeit netto: 07:32:16 Stunden
Brutto: von 10:20 h bis ca. 19:15 h
Durchschnittsgeschwindigkeit: 22,67 kmh
Höhenmeter: 817 m

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Prolog

Nach nun schon wieder einem Jahr stehen wir vor unserer nächsten Radreise. Und obwohl wir eigentlich schon kurz vor dem Ende der letzten Tour darüber sinnieren, wo es denn 2014 hingehen soll, steht kurz vor der Abreise am Samstag, den 26.07.2014 nur eines fest:

Wir treffen uns zu dritt. Es werden also meine Freunde Chris und Olda wieder dabei sein. Das Reiseziel war lange Zeit auch relativ klar. Wir wollten nach Kroatien. Nach Triest mit dem Auto, und dann über einige Inseln hinunter nach Dubrovnik radeln. Danach am 07.08. mit dem Schiff einen ganzen Tag lang zurück nach Rijeka. Mit dem Rad noch ca. 75 Kilometer zum Auto und wieder nach Hause.

Was hat das jetzt mit der Fahrradreise zu tun?

Was hat das jetzt mit der Fahrradreise zu tun?

Aber da gibt es natürlich immer wieder Unwägbarkeiten, die von uns Notiz nehmen und uns zum Umdenken zwingen. Eine Kollegin von mir eine hat schwerere Krankheit erwischt (von hier aus Gute Besserung von Herzen), die es meinem Chef nicht erlaubt, mir einen längeren Urlaub als bis zum einschließlich 06.08. zu gewähren. Das ist bitter, aber Gottseidank sind meine Kumpane flexibel.

Für diese tolle Begleiterscheinung unserer Freundschaft bin ich sehr, sehr dankbar.
Unsere Unentschlossenheit bezüglich des Zieles unserer Radreise in 2014 kommt noch ein weiterer, nicht unwesentlicher Punkt hinzu: vor einigen Tagen rief mich Krischan an und meinte, er hätte mit Hilfe der Googlemaps-Karte das Höhenprofil unserer Strecke gecheckt. Und dabei mit Erschrecken festgestellt, dass es in Kroatien extrem bergauf und bergab geht. Soll heißen, dass es eine Straße an der Küste wohl durchgehend nicht zu geben scheint und wir deshalb immer wieder nach oben in die Berge fahren müssen. Das bedeutet aber immer wieder ein Höhenunterschied von 300 bis 500 Meter überwinden zu müssen, was zu einer Gesamtbelastung von bis zu 27.000 Höhenmetern führen könnte. Das wäre fast das Dreifache unserer Höllentortur durch Tschechien im vergangenen Jahr.

Oder vielleicht doch?????

Oder vielleicht doch?????

Das wäre vielleicht weiter gar nicht zu beachten, hätten wir nicht im vergangenen Jahr eine bis dato neue Extremerfahrung gemacht. Auf unserer Reise durch Tschechien gab es auch fast ausschließlich Berge. Insgesamt waren es auf der ähnlich weiten Strecke ca. 10.000 Höhenmeter. Bei den während der fast gesamten Woche herrschenden Temperaturen von teilweise über 40 Grad (Celsius – nicht Fahrenheit), doch eine enorme Schinderei.

Nun starteten also gleich die Überlegungen für alternativen Routen:
Ich hätte Lust auf die südadriatische Küste. Ich war noch nie dort, stelle mir diese Gegend aber sehr schön vor. Es ist zwar auch heißes Wetter zu erwarten, aber die Strecke, die am Meer entlang führt, würde auf jeden Fall relativ flach sein.

Eine andere Überlegung, um uns in andere Temperaturgefilde zu begeben, wäre zum Beispiel England. Da ich aber unter Flugangst leide – und damit meine Freunde unter mir – wird die Zeit ein wenig zu knapp sein. Erst die Anreise nach Calais, mit dem Schiff übersetzen bei nur insgesamt zwölf Tagen, da kommen wir in England nicht besonders weit. Obgleich die Lust, dieses an Gegensätzen so reiche Land erneut und besser kennen zu lernen, als bei unserer Begegnung vor fünf Jahren, schon groß ist. Das Spießbürgerliche, das dem Briten innewohnt, und das bei einem Kneipenbesuch in jedem englischen Pub konterkariert wird. Ja, das hätte was.

Was ist das denn????

Was ist das denn????

Und da wäre da noch Frankreich. Etwa das ca. 1000 km lange Loiretal, eine Tour, die bei Chris hoch im Kurs steht.

Ein Anruf bei Oldo in Tschechien ergibt doch eine kleine Enttäuschung für ihn. Der Mann, der in den Bergen Böhmens das komplette Jahr für unsere Reise trainiert, möchte natürlich auch belohnt werden mit vielen Höhenmetern. Aber seine Freude auf das Wiedersehen und den Spaß, den wir natürlich auch miteinander haben lässt das eigentliche Ziel bzw. die Route dann doch in den Hintergrund geraten. Er fährt gern überall hin mit uns.

Nee ist klar: Das Ganze ist nur ein kleiner Scherz für meine Fahrradfreunde. Natürlich werde ich damit nicht reisen. Das wäre unsozial, weil wohl einfach zu schnell.

Nee ist klar: Das Ganze ist nur ein kleiner Scherz für meine Fahrradfreunde. Natürlich werde ich damit nicht reisen. Das wäre unsozial, weil wohl einfach zu schnell.

Wir werden also sehen. Ich melde mich kurz vor der Abreise noch mal bei Euch. Bis dahin – eine Gute Zeit euch allen.

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Prolog 2. Teil

Tja, die Tage sind vergangen, ohne dass in puncto Zielfindung Entscheidendes passiert wäre. Heute ist Freitagabend. Ich bin um 20:15 Uhr von Arbeit und Besorgungen nach Hause gekommen. Gepackt oder gut vorbereitet auf unseren Trip bin ich bei weitem noch nicht.

Oldo hat sich für ca. 21:00 Uhr angekündigt. Ich bin schon gespannt, wie er drauf ist. Konnte er sein Gewicht halten? So wie ich. Letztes Jahr hatte ich mir vorgenommen, dass ich auf jeden Fall wesentlich leichter in die neue Radtour starten werde. Ohne Stolz kann ich jedoch von mir behaupten, dass ich es geschafft habe, nicht schwerer als im zurückliegenden Jahr die Reise beginnen zu können.Ein entspannter Typ, der noch gar nicht weiß, wo die Reise hingeht

So ich muss mich beeilen. Unter die Dusche, wenigstens noch ein paar Dinge zusammenräumen, den kleinen Rucksack mit dem zwei Liter fassenden Trinkbehälter aus dem Keller holen, einige wichtige Utensilien, die ich auf keinen Fall vergessen möchte, schon einmal auf dem Wohnzimmertisch drapiert.

Dabei fällt mir ein: Mensch, wir wissen immer noch nicht, wo wir hin radeln wollen. Ich bin im Stress. Gerade stehe ich splitterfasernackt am Fenster meines Bades, nachdem ich mich rasiert habe, da sehe ich ein Auto aus dem Fenster mit tschechischem Kennzeichen vorbeifahren. Ja, das ist der graue Ford von Oldrích. Ich bin mir recht sicher, die Haustüre unten offen gelassen zu haben, und steige einigermaßen beruhigt unter die lauwarmen Wasserstrahlen meiner Brause. Oldo kennt sich aus. Er wird nicht mal klingeln. So war es auch. Als ich aus der Dusche komme, begrüßen wir uns herzlich, setzen uns auf den Balkon und lassen die letzten Monate seit meinem Geburtstagsfest, als er auch bei mir war, Revue passieren.

Es dauert bestimmt bis 23:00 h, ehe ich dazu komme, meine Sachen weiter zu sortieren, weil Oldo sich nun müde in sein Schlafgemach zurückzieht.
Es wird eine kurze Nacht für mich. Ich ordne noch meinen Bürokram, suche weiterhin Sachen für die Reise zusammen, wasche Wäsche, nehme trockene vom Ständer. Um 2 Uhr falle ich ins Bett. Morgen möchte Krisch gegen 10:30 Uhr bei mir sein.

Ihm ist es egal, er ist überall dabeiUm acht stehe ich wieder stramm, fahre nach Dachau zum Friseur, gebe ein paar Briefe bei der Post ab, und beeile mich, um halb elf wieder daheim zu sein, während Oldo am Vormittag bereits mit dem Fahrrad unterwegs ist und eine letzte Trainingseinheit vollzieht.

Kein Krisch ist zu sehen. Oldo gerade von seiner spontanen Radtour zurück. Ich lasse mich nicht hetzen und setze meine Vorbereitungen weiter um.

Zum Glück taucht Krisch erst gegen 11:30 Uhr auf. Er war gestern noch auf einem Fest und erst sehr spät ins Bett gekommen. Ich bin froh. Jetzt sitzen wir zu dritt in meinem Wohnzimmer und die Frage nach unserer Reiseroute nimmt langsam aber kontinuierlich Fahrt auf. Wie ich erwartet habe, steigt Krisch wieder auf das Loire-Thema ein. Nach einigen Minuten einigen wir uns aber dann doch auf Italien. Wir wollen bis Marotta fahren, wo Krisch den ehemaligen Oberkellner der Dachauer Pizzeria Amalfi, Roberto, gut kennt, der seit längerem ein kleines Hotel an der Adriaküste führt.

Der Renner von OldríchNachdem meine beiden Freunde mein neues Velomobil eingehend betrachtet und gewürdigt haben, geht es dann endlich um 12:30 Uhr los in Richtung Süden.
Es ist wahrscheinlich Ferienbeginn in verschiedenen Ländern und Bundesländern, und schon bald stellen wir fest, dass es möglicherweise bis Marotta heute Abend nicht mehr reichen wird. Einige Staus schon in Deutschland und nach dem Brenner verzögern unsere Anreise beträchtlich. Irgendwann löst mich Chris am Steuer ab, weil ich übermüdet bin und fährt uns sicher in eine Stadt, von der ich seit 50 Jahren voller Stolz behauptet habe, nie dort gewesen zu sein. Die Stadt heißt Rimini.

Aber alles hat eben ein Ende und heute bin ich so weit, sagen zu dürfen, dass meine Kenntnisse über die italienische Adriaküste sich beginnen, enorm zu erweitern.Alles will verstaut und verbaut sein.

So könnte es klappen.Abschließende Feinarbeiten
Wir finden schnell das Hotel Bikini toll, in dem wir zwei kleine Zimmer beziehen. Das Personal an der Rezeption ist freundlich, hilfsbereit und geradezu witzig. Der nette Herr, der sich Meiner beim hilfesuchenden Eintritt ins Foyer gleich angenommen hatte, sagt mir beim Einchecken, dass er Schwierigkeiten hätte, mein Passfoto mir ähneln zu sehen. Meine Freunde schlagen auf meine Nachfrage in die gleiche Kerbe. Nein. Ich hätte mich wirklich verändert. Mehr wollen sie dazu nicht sagen.

Nachdem sich Christian geduscht hat, marschieren wir entlang der Strandpromenade und suchen uns ein Restaurant zum Essen. Wir werden schnell fündig und verspeisen Salate, Pizza und trinken genussvoll ein Bier.Zwei  Freunde finden den Bikini a-toll und träumen in der Nacht davon

Die gemeinsame Reise macht sich gut an, denn wir beginnen schon bald über unsere Äußerungen zu den verschiedensten Themen herzhaft zu lachen. Das, was ich das ganze Jahr über vermisse und auf das ich mich am meisten freue, wenn ich an unsere Radreise denke.

Morgen, so beschließen wir, machen wir uns auf zu Roberto, wo wir das Auto stehen lassen wollen. Noch ein gemeinsames Mittagessen. Und dann soll es losgehen. Dann werden die Drahtesel gesattelt auf unserem weiten Weg nach Süden.

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1.Etappe von Marotta nach San Giorgio

Letzter Vergleich der Bäuche vor dem anstrengenden Teil unseres Vorhabens. Oldo, als Außenstehender, darf fotografieren.

Letzter Vergleich der Bäuche vor dem anstrengenden Teil unseres Vorhabens. Oldo, als Außenstehender, darf fotografieren.

Wir erwachen erfrischt in unserem Bikini-Hotel und begeben uns gleich hinunter an das Frühstücksbuffet. Der Blick aus dem Fenster verheißt zumindest keinen astreinen Sommertag. Es ist diesig, wolkenverhangen.

Erstaunlicherweise ist das Büffet in zwei Abteilungen aufgeteilt. Auf der einen Seite alles, was das Herz begehrt von Obst über Joghurt, Süßigkeiten usw. Auf der anderen Seite des Raumes, etwas versteckt, eine Aufreihung von Lebensmitteln, die glutenfrei sind. Dankbar will ich mir ein Brot davon nehmen, als ein unfreundlicher Geselle des Hause mich sofort. Ich müsse mich entscheiden, entweder von da oder vom anderen Teil des Buffets. Da ich aber schon eine Schüssel mit Obst und Joghurt in der Hand halte, schleiche ich kleinlaut von dannen.

Robertos Albergho, das Hotel Lilly.

Robertos Albergho, das Hotel Lilly.

Wir frühstücken trotzdem entspannt, ziehen mit lautstarken Lachern die Aufmerksamkeit anderer Gäste auf uns. Nach dem Essen packen wir die Sachen und verstauen sie im Auto. Heute geht es die ca. 80 Kilometer ach Marotta, von wo aus wir mit dem Rad loswollen. Das Auto lassen wir dann bei Roberto stehen, einem Freund Krisch, der früher Kellner in der Pizzeria Amalfi in Dachau war. Ich kann mich auch noch gut an ihn erinnern und bin gespannt wie er heute aussieht.
Wir sind auch bald angekommen. Christian und Roberto begrüßen sich überschwänglich. Er fährt seit Jahren mit seiner Familie und Freunden aus Dachau zu Roberto, der dort zusammen mit seinem Bruder das kleine Albergho Lilly leitet.

Wir bringen die Räder aus dem Auto und machen sie startklar. Roberto weist und uns, ehe er mit seinem Jeep und einer Zigarette im Mund zum Einkaufen fährt, einen Parkplatz direkt am Haus zu.

Wie sehr ich sie ein ganzes Jahr lang vermisst habe: die Waden von Christian.

Wie sehr ich sie ein ganzes Jahr lang vermisst habe: die Waden von Christian.

Da wir uns keinen Zeitplan gemacht haben, kann ich mit Stolz behaupten, dass wir pünktlich um 12:30 h auf den Rädern sitzen und uns nach Süden in Richtung Ancona wenden. Es läuft gleich hervorragend. Es ist flach in der Küstenstraße und der Wind weht stark aus Norden. Die Strände sind fast menschenleer. Das liegt wohl am Wetter. Es ist zwar nicht kalt, jedoch immer noch bewölkt.Für alle Muskelprobleme gerüstet.

Wir kommen sehr gut voran. Wir erreiche sehr bald Ancona und dann hat der Spaß ein Ende. In der Stadt geht es plötzlich massiv bergauf. Wir kämpfen uns durch die Stadt. Nach 200 Höhenmetern erreichen wir einen Aussichtspunkt, der uns eine kleine Pause erlaubt. Wir leeren unsere Blasen, nehmen einen kleinen Bissen zu uns und schwingen uns wieder auf unsere Räder.

In Ehrerbietung an den großen österreichischen Liedermacher und Sänger, den wohl auch die Italiener sehr zu schätzen scheinen - ein ganzer Ort nach ihm benannt.

In Ehrerbietung an den großen österreichischen Liedermacher und Sänger, den wohl auch die Italiener sehr zu schätzen scheinen – ein ganzer Ort nach ihm benannt.

Die Sonne zeigt sich mehr und mehr und damit wird auch die Umgebung immer schöner. Wir fahren durch die Marken, eine wunderschöne, von sanften grünen Wiesen gekennzeichnete Hügellandschaft. Irgendwann geht es auch wieder bergab und trotz des Geschwindigkeitsrausches MÜSSEN Oldo und ich kurz anhalten und den Ausblick in das Tal an der Küste genießen. Zudem sind gleich unter uns Hecken voller kräftig lila blühender Bourgonville (ist wahrscheinlich falsch geschrieben, aber ihr wisst, welche Pflanze ich meine) und rosaroter Oleander. Grandios. Dann geht es hinunter in die nächste kleine Stadt. Ich weiß nicht, ob ihr das kennt, aber ich habe mehrmals am Tag ein so glücksdurchflutetes Gefühl, wie ich das kaum beschreiben kann. Vielleicht kennt ihr das auch. Ein Raunen geht durch den Körper und man weiß nicht warum. Mein Körper fühlt sich großartig an. Ich sehe um mich nur blühende Büsche und grüne Wiesen. Ich bin einfach glücklich. Es ist mir einfach eine Riesenfreude hier in Italien einfach nur zu SEIN. Mit mir, mit meinen Freunden, auf meinem Rad.
Yippieyeah!!!!  Was für ein Tag voller Freude und Lust am Fahren!!!

Yippieyeah!!!! Was für ein Tag voller Freude und Lust am Fahren!!!

Die Landschaft von Ancona aus betrachtet - Teil 2

Die Landschaft von Ancona aus betrachtet – Teil 2

Wir legen wieder eine Pause ein am Hauptplatz. Dort tummeln sich vorwiegend italienische Touristen, was ich sehr angenehm empfinde. Ein Typ fixiert mich, und ich schockiere ihn mit einem chaplinesken Ausfallschritt. Erschrocken schaut er mir in die Augen und mir bleibt nichts anderes übrig, als ihm in diesem Moment einfach zuzuzwinkern, was er mit einem überraschten Lächeln beantwortet.

Die Landschaft von den Höhen Anconas aus gesehen - Teil 1

Die Landschaft von den Höhen Anconas aus gesehen – Teil 1

Es geht weiter und es wird wieder flach. Aber auch das Wetter verändert sich. Eine dicke graue Brühe bildet sich am Horizont. Und schon geht es los mit dem Regen, der von Minute zu Minute stärker wird. Ich biege in einen Feldweg ein, und meine Freunde folgen mir unaufgefordert. Wir stehen im Regen und hoffen, dass dieses monsunartige Monstrum so schnell aufhört, wie es gekommen ist. Da sich dergleichen nichts tut, entschließen wir uns zu der Tankstelle zurück zu fahren, die Oldo entdeckt hatte. Wir fahren wirklich durch Wasser, das die vorbeifahrenden Autos noch weiter aufwühlen. Die Tankstelle bietet uns dann Schutz vor dem Regen. Wir stellen uns unter und Oldo wechselt sofort die triefnassen Klamotten. Dazu setzt er sich noch ein Käppi auf und schaut in seiner nun schwarzen langen Hose und dem dunkelgrauen Pullis aus wie der Tankwart dieser italienischen Energieversorgungszentrale. Hier kommt eine kleine Verwandlungsaktion in mehreren Teilen:

Verwandlungsszene- Teil 1

Verwandlungsszene- Teil 1

Szenen  einer Verwandlung - Teil 2

Szenen einer Verwandlung – Teil 2

Szenen einer Verwandlung - Teil 3

Szenen einer Verwandlung – Teil 3

Szenen einer Verwandlung -Teil 4

Szenen einer Verwandlung -Teil 4

Szenen einer Verwandlung - Teil 5

Szenen einer Verwandlung – Teil 5

Szenen einer Verwandlung - Teil 6

Szenen einer Verwandlung – Teil 6

Die Tankstelle ist menschenverlassen. Nur ab und an hält ein Auto, tankt und verschwindet wieder. Ein weißer Hund, der uns schon bei unserer Ankunft schüchtern begrüßt hat, versucht auf sympathische, weil unaufdringliche Art und Weise, Fressbares von den Kunden zu erbetteln. Auf unsere Annäherungsversuche, besonders vom Tankwart Teo, in den Oldo sich in Windeseile verwandelt hat, reagiert er fast ängstlich, obwohl sich Oldo wirklich um Vertrauensaufbau bemüht.

Der freundliche Tankwart Teo in seiner vollkommenen Pracht.

Der freundliche Tankwart Teo in seiner vollkommenen Pracht.


Endlich lässt der Regen nach und auch im Süden wird es langsam wieder heller, so dass wir aufbrechen, um unsere nassen Klamotten vom Fahrtwind trocknen zu lassen. Es plötzlich wieder sehr angenehm zu fahren, waren die Temperaturen während des Regens doch arg in den Keller gefallen, so dass wir schon ein wenig fröstelten an der Tanke.
Ein Alien auf Kurs durchs Universum.

Ein Alien auf Kurs durchs Universum.


Aber nun geht’s flott voran und nach genau 107 Kilometern fahren wir in Porto San Giorgio ein und entern spontan das Rosenhotel. Das Personal ist freundlich und lässt unsere Fahrräder im Büro übernachten. Draußen vor dem Gebäude herrscht reges Treiben auf einem Straßenmarkt. Wir duschen rasch und suchen uns ein schickes Restaurant zum Essen. Naja, das ist gar nicht so einfach. Schließlich biegen wir in eine Seitenstraße vom Lungomare ein und entdecken eine frequentierte Pizzeria. Am Anfang sieht es nicht so aus, als könnten wir drei Plätze ergattern. Doch plötzlich mischt sich der Chef ein es seinem Engagement deutlich an. Er MUSS uns unterbringen in seinem Laden. Er schlägt vor, uns ins in Innere des Lokales zu setzen. Wir willigen erst ein, geschuldet dem großen Hunger und Durst, die uns plagen.
Auch Außerirdische werden Teo zuvorkommend bedient. er erhält Sprit zur Weiterfahrt durchs Universum.

Auch Außerirdische werden Teo zuvorkommend bedient. er erhält Sprit zur Weiterfahrt durchs Universum.


Aber die Klimaanlage erzeugt zu viel an unerträglicher Kälte für Krisch. Wir kehren um. Ich sage es dem Chefe, dass wir unter diesen Umständen das Weite suchen werden.

Doch dieser graumelierte, leicht untersetzte Mann in schwarzem Werbe-T-Shirt und grundsätzlich vorhandenem Willen, jedem Vorüberziehendem seine Küche aufzudrücken, gibt einfach nicht auf. Er rennt vor uns her ins Freie und erkennt sofort die Lücke. Mit einer triumphierenden Handbewegung weist er uns unseren Platz zu.
Und was dann kommt sucht Seinesgleichen. Wir werden versorgt mit köstlichem bayerischen Weizenbier, Chris trinkt wie immer Weißwein. Dann kommt gegrilltes Gemüse für mich, das in Öl-Zitrone-Sud schmeckt, wie ich es noch nie erlebt habe. Dann eine Pizza-Melanzane. Ich bin Pizzafan, aber so eine Gute habe ich wirklich selten gegessen.

Komische Anwandlung eines Fremden.

Komische Anwandlung eines Fremden.

Weil ich so ein zitronengelbes Leibchen anhabe, wird uns noch ein Glück zuteil, das keiner sonst im Lokal erhält. Limoncello, ein Zitronenlikör, und davon ein ganzer Container voll, den sich hauptsächlich Oldo zu Gemüte führt. Der wundervolle Tag wird am Abend durch das Essen a Abend och getoppt. Ich bin sehr, sehr zufrieden und wirklich glücklich, als ich gegen 01:00h zufrieden in den wohlverdienten und traumfreien Schlaf sinke.

Statistik:

Kilometer: 107,18

Fahrzeit: 04:54:57 Std.

average: 21,46 km/h

Höhenmeter: 517

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2. Etappe von Porto San Giorgio nach Fossaciesa

Hier ein kleiner Überblick über unsere Reiseroute: von Marotta, ca. 40 Km nördlich von Ancona nach Süden an der adriatischen Ostküste entlang bis hinunter um den Absatz herum und wieder nach Norden bis Taranto.

Hier ein kleiner Überblick über unsere Reiseroute: von Marotta, ca. 40 Km nördlich von Ancona nach Süden an der adriatischen Ostküste entlang bis hinunter um den Absatz herum und wieder nach Norden bis Taranto.

Wir erwachen nach diesem tollen ersten Tag unserer Radtour und dem vergnüglichen Abend zuvor recht erfrischt und begeben uns nach der Morgentoilette gemeinsam in den Frühstücksraum. Alles ist etwas kleiner und nicht so üppig ausgestattet wie am Vortag im Bikini Hotel. On the road again, Sonne und Hitze inclusive bei Temperaturen von über 30 Grad.
Aber wir können sogar auf die Terrasse gehen und die warme Morgensonne genießen. Zu einem Capuccino, der so stark ist, wie ich ihn vielleicht noch nie getrunken habe. Was allerdings nicht besonders schwierig ist, habe ich in meinem Leben doch eher sehr selten überhaupt die coffeinhaltige Bohne zu mir genommen. Aber weil die anderen auch jammern, liege ich wohl richtig mit meinem Gefühl.Die abgetakelte Queen Mary

Nach dem Frühstück sammeln wir unsere Sieben Sachen zusammen und treten hinaus in die schon heiße Vormittagssonne. Das wird ein Spaß heute. Nach meinen Berechnungen könnten wir unser erstes Etappenziel, nämlich Pescara gegen 14 Uhr erreichen, wenn alles gut läuft. Es sind ca.75 Km bis dahin und wir haben 10:10 Uhr, als die Räder zu laufen beginnen. Ich fühle mich wohl und freue mich auf den Tag und Italien, wie ich es bisher noch nicht kenne.Blick aus dem Hotelzimmer

Wir setzen uns in Bewegung Richtung Süden und haben erfreulicherweise den Wind aus Norden im Rücken. Krisch klärt uns auf, dass dies lediglich am Vormittag so sei, und ab 14 Uhr der Wind auf Süden dreht.
Es läuft gut und ich bin sehr optimistisch, dass die Stimmung bei mir anhält, die schon gestern so grandios positiv war. Die Straßen lassen sich gut befahren, die italienischen Autofahrer achten trotz eines gegensätzlichen Rufs sehr auf uns, passieren uns vorsichtig und langsam, ohne zu hupen.

In einer kleinen Stadt machen wir schnell eine Trinkpause und Christian macht sich an seinem Lenker zu schaffen. Ihm war beim Durchfahren eines Schlagloches der Lenker nach vorne gerutscht. Er versucht die Lenkervorbau, ein kleines Gestell, das es ermöglicht, den Lenker höher und näher zum Körper zu drehen, wieder zu fixieren. Wir sind nicht einmal einen Kilometer unterwegs, da dasselbe schon wieder passiert. Ich sage ihm, dass ich es besser fände, wenn wir eine Werkstatt aufsuchen, da die Gefahr schon groß sein, dass er nach vorne fällt und ein Unfall mit unangenehmen Begleiterscheinungen die Folge sein könnte.
Ich spreche zwei Passanten an, die mir sofort den Weg zur nächsten Fahrradwerkstatt beschreiben. Wir finden auch sofort hin.

Mein Freund, der Fahrradmechaniker, hier bei der Arbeit.

Mein Freund, der Fahrradmechaniker, hier bei der Arbeit.

Direkt am Bahngleis der Stadt, ein winziges Geschäft, in dem ein Rad neben dem anderen steht und sogar noch drei oder vier Motorroller Platz finden. Der Herr Besitzer kümmert sich sofort um uns. Leider hat er keinen passenden Lenkervorbau im Haus. Bei Bestellung wäre die Lieferung schon am Mittwoch da. Wir bedauern, seien wir doch auf dem Giro d´Italia und könnten uns nicht so lange aufhalten. Jedoch kann er uns wenigstens sagen, wo es ein weiteres Fahrradgeschäft in Porto Recanati gibt.

Dort – ein paar Ecken weiter – angekommen, kommt ein etwas älterer Herr mit schütterem Haar aus seinem Laden. Er sieht eher aus wie ein Künstler denn ein Fahrradschrauber. Er betrachtet mit Geduld und man möchte fast sagen, mit genussvoller Ruhe den Schaden. Tja, ob er ein geeignetes Neuteil hätte, wüsste er nicht, meint er, während er seinen Kopf bedächtig hin und her wackeln lässt, um dann wieder langsam in die dunklen Gefilde seines Ladens zu verschwinden, hoffentlich um nach dem Objekt unserer Begierde zu suchen.

Ich gehe derweil schnell im nahe gelegenen Bioladen Kaugummi kaufen. Als ich nach einigen Minuten wieder zurück bin, stelle ich fest, dass Krischan und damit uns allen, geholfen werden kann.
Während dieser Pseudokünstler sich um das Fahrrad kümmert, greift er mir plötzlich an den Bauch und meint, dass das zu viel sei für eine so große Radtour, wie wir sie ihm zwischenzeitlich schon beschrieben haben. Komisch: alle reden mich auf meinen Bauch an. Schon Roberto, er Freund von Krischan mit dem kleinen Hotel in Marotta, griff mir an den Bauch, indem er mir sagte, dass er mich natürlich wiedererkenne als Gast des Restaurant Amalfi.

Ich weiß, dass da Handlungsbedarf ist, aber darf ein mir fremder Süd-Italiener mich darauf ansprechen, und mich dabei gleichzeitig noch körperlich angehen?? Ich merke, dass Wut in mir aufsteigt. Ich sage in unfreundlichen und barschem Ton, dass ich mit diesem Bauch problemlos 150 bis 160 Kilometer täglich fahren kann. Wieviel er denn so am Tag schaffe? Ganz ernst antwortet er: „so an die 100 bis 120 Kilometer“. Na also! Ich weiß, dass meine Wut ein Zeichen dafür ist, dass der weise ältere Herr mich in meinem tiefsten Inneren sehr berührt hat. Das versöhnt mich auch augenblicklich wieder und weicht einer Dankbarkeit für alles Gute, das durch andere auf mich zukommt. Ich nehme es als Inspiration mit auf den Weg.

Zu uns an der Fahrradwerkstatt gesellt sich noch ein Mitdreißiger, der uns interessiert über unsere Reise ausfragt. Er ist sehr nett und aufgeschlossen, und ich frage ihn, ob er jemand kennt, der ihm deutsche Texte übersetzen kann. Er bejaht. Darauf lade ich ihn via Visitenkarte ein, doch über meinen Blog an der Reise teilzunehmen. Lenker kaputt

Nach über einer Stunde Zeitverzögerung sitzen wir wieder auf den Rädern. Bei Bullenhitze kann es weitergehen. Pescara wird noch ein bisschen dauern. Aber wir werden verwöhnt mit der Durchfahrt durch San Benedetto. Ein wirklich gepflegter Badeort mit ewig langer Strandpromenade, herausgeputzten Häusern und Touristen.San Benedetto-ein Traum 1
San Benedetto  ein Traum 2Aber natürlich ist nicht alles schön, was wir sehen. Auch heruntergekommene Orte werden unseren prüfenden Blicken unterzogen. Die Hitze ist erbarmungslos. Wir messen wieder um die 35 Grad bei strahlendem Sonnenschein. Der Wind dreht nun nachmittags auch von Nord nach Süd. Ich reihe mich hinter Christian ein und fahre kilometerweit knapp hinter ihm her.

Wie so oft beim Radfahren von weiten Strecken verfalle ich quasi in eine – nicht unbedingt produktive, manchmal eher verzweifelte Meditation,um von Muskel- oder Schmerzen am Hintern abzulenken. In diesem Fall geht es nicht um die Frage „Sein oder Nichtsein“, sondern lediglich darum, ob Fahren im Windschatten von Christian sinnvoll ist oder nicht. Dafür sprechen folgende Punkte:

sein breiter Körperbau spart mir wirklich viel Energie, weil er den Fahrtwind extrem an sich abprallen lässt. Auch bin ich nicht so sonnenbrandgefährdet an den Beinen. Seine muskelbepackten Waden lassen kein Licht mehr durch, ich bin also selbst ohne Sonnencreme auf der sicheren Seite.

So sehen Etappensieger aus.

So sehen Etappensieger aus.


Nachteil ist natürlich, dass ich von der Landschaft relativ wenig mitbekomme. Diese und viele weitere Gedanken halten mich am Fahren, bis wir gegen 16:30 Uhr an der Strandpromenade eine mondäne Kneipe finden, in der wir Rast machen. Es gibt ein künstliches Pizza Calzönchen, passend zu den Jungs in der Kneipe. Christian trinkt Bier!!!! Und wir Wasser. Das Personal fragt uns interessiert, woher wir kämen. Einer der jungen, gut aussehenden Männer meint, dass seine Eltern in München leben würden. Ein anderer zeigt mir stolz die Anlage bis hin zum hauseigenen Sandstrand. Auf jeden Fall alles sehr gepflegt hier.

Um 17:30 h starten wir zur Abendetappe. Es ist ein bisschen kühler geworden, genauso im Übrigen wie das Landschaftsbild. Wir fahren durch eher heruntergekommene Gegenden und tun uns nach fast 150 Tageskilometern schon schwer, eine Unterkunft zu finden. Aber endlich, ganz einsam am Straßenrand, und wir sind praktisch schon vorbeigefahren, eine Hotelanlage. Wir kehren um, überqueren die Straße und biegen ein in das Gelände, um nach der Rezeption suchen.

Nach der Umfahrung des Gebäudes kommen wir auf einer großen Terrasse zum Stehen. Ich schaue mir gleich mal die mondäne Gaststube an, und bin mir sicher, dass wir uns das nicht leisten können. Nach kurzer Zeit tritt ein gepflegter, graumelierter Herr aus dem Haus. Er besitzt eine gehörige Portion Mutterwitz, einen gewissen Sarkasmus im Unterton. Er trägt einen Anzug, eine rotblaue Krawatte, schöne und hochwertige Halbschuhe. Er fragt uns, ob wir eine Stunde warten können, das Apartment sei noch nicht bereit, die Betten nicht bezogen und die Person, die das mache, würde erst in einer Stunde kommen. Wir sind begeistert darüber, dass wir vorab aber schon mal duschen können. Und über den Preis. 60,-€ für uns drei, natürlich ohne Frühstück. Wir schlagen ein, machen die Abendtoilette, waschen im Handwaschbecken unsere bereits verschwitzten Klamotten aus und hängen sie auf den dafür vorgesehenen Wäscheständer im Freien.

Es ist schon fast ganz dunkel, als wir das herausgeputzte Lokal im Haupthaus betreten. Es gibt heute Vorspeise mit Vongole (Spaghetti mit Muscheln) und als Hauptspeise ebenfalls drei Fischgerichte zur Auswahl. Alles schmeckt vorzüglich. Wir lassen bis gegen 24 Uhr den Tag Revue passieren, lachen über einige Vorkommnisse und gehen ausgelaugt, aber zufrieden in die Falle.

Statistik:

Kilometer: 149,69 km

Fahrzeit: 06:52:44 Std.

average: 21,20 km/h

Höhenmeter: 517 m

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3. Etappe von Fossaciesa nach Torre Mileto

Ich erwache gegen 08:00 und schaue gleich hinüber ins Nachbarzimmer, wo Krisch und Oldo liegen sollten. Oldo ist nicht da und ich gehe davon aus, dass er bereits im Meer schwimmen ist. Was sich gleich

Ich habe Christian gewarnt, aber  er steht für ein unkonventionelles Äußeres. Man bedenke die Alienfotos. Übrigens: nur die Zehen des linken Fußes sind lackiert.

Ich habe Christian gewarnt, aber er steht für ein unkonventionelles Äußeres. Man bedenke die Alienfotos. Übrigens: nur die Zehen des linken Fußes sind lackiert.

bestätigt. 20 Minuten später berichtet und schwärmt er vom warmen und vor allem sauberen Meerwasser, in dem er ein Bad genommen hat. Er hat wie immer gute Laune und weckt Christian mit einem lauten Ruf ins Schlafzimmer.
Ein richtiges Appartement hier in Italien. Toll, zwei Schlafzimmer, Küche Bad.

Ein richtiges Appartement hier in Italien. Toll, zwei Schlafzimmer, Küche Bad.


Wir prüfen noch unsere am Vorabend im Handwaschbecken gereinigte Wäsche, die wir auf einem zum Glück vorhandenen Wäscheständer vor dem Apartment aufgestellt haben. Meine Sachen sind noch nicht trocken, also lege ich sie vor dem Frühstück in die Sonne auf eine kleine weiße Mauer. Bis in einer Stunde wird sie bestimmt trocken sein.

Das Frühstück dürfen wir uns selbst gestalten aus der reichen Auswahl an drei verschiedenen Brioche, einer für die italienischen Süßmäuler von der hiesigen Zuckermafia hergestellte Mehl-Zucker-Mischung. Dazu wiederum einen starken Capuccino. Oldo verlangt mal wieder einen großen Carfé, Café Lungo oder Café Americano. Aber wieder ist es halt eine normale Capuccinotasse, die ihm vor die Nase gestellt wird. Ohne zu murren trinkt er das starke Gesöff. Seine gewünschten Mengen werden einfach so nicht ausgeschenkt.
Die Bedienung fragt mich, ob ich Italiener oder Deutscher bin. Ich bin etwas verwirrt.

Seltenes Vorkommnis: Mann und Frau im Gespräch. Meistens sind die Zusammenkünfte auf den Plastikstühlen rein gleichgeschlechtlicher Natur.

Seltenes Vorkommnis: Mann und Frau im Gespräch. Meistens sind die Zusammenkünfte auf den Plastikstühlen rein gleichgeschlechtlicher Natur.


Ich frage sie, ob sie etwa Deutsche sei. Noi, meint sie in perfektem Schwäbisch, aber in Deutschland, in Mohrhart bei Stuttgart aufgewachsen. Ich glaube sie freut sich mal deutsch bzw. schwäbisch schwätza zu dürfa. So viele deutsche Touristen können wir hier in dieser Gegend Italiens gar nicht entdecken.
Nach dem spärlichen Frühstück raffen wir unsere Sachen zusammen und machen uns um kurz nach Zehn auf zur nächsten Etappe. Den Sporn zu umrunden, das ist in den kommenden zwei Tagen unser Ziel. Die Hitze ist wieder gewaltig, obwohl immer wieder der Himmel sich wolkenverhangen zeigt. Wir befahren längere Zeit die SS 16, die Via Adriatico, die von Nord nach Süd an der Küste entlang führt.
Aber immer wieder suchen wir auch den Sichtkontakt mit dem Meer und fahren hinunter an die Strandpromenade. Klar strukturierte Radwege in Italien. Das macht das Handling des Rades einfach und die Verkehrsregeln sind klar strukturiert.
In diesem Fall führt ein grüner Fahrradweg durch die Stadt, der zweispurig zu befahren ist. Ich fahre voran, als plötzlich ein älterer Herr mit seinem metallic-blauen Fahrrad vor mir unvermittelt links abbiegt. Da ich bereits auf seiner Höhe bin, habe ich keine Chance. Ich knalle in sein Vorderrad, mein linker Fuß ist sofort raus aus der Schlaufe, den Rechten bringe ich, während ich langsam in Richtung des Herrn zu Boden gehe, nicht aus der Schlaufe. Alles verdreht sich an meinem Fußgelenk, aber schließlich klappt es doch noch, den Fuß frei zu bekommen.
Das demolierte Fahrrad meines besten Freundes.Als ich wieder stehe, entschuldige ich mich sofort bei dem Herrn und bei einem Blick auf seine verbogene Achsenstange will ich ihm auch gleich den Vorschlag machen, den Schaden zu ersetzen. Da lacht er und meint, dass sei alles kein Problem und er wäre froh, dass uns beiden nichts passiert ist.Mein bester sizilianischer Freund. Wir sind verliebt vom ersten Augenblick nach unserem Unfall.
Kennt ihr das? Wir waren vom ersten Augenblick an Freunde, obwohl der Anlass eher auf einen Konflikt gerichtet wäre. Wir unterhalten uns eine Weile. Ich erfahre, dass er ein Sizilianer im Alter von 74 Jahren ist, der seit 40 Jahren in Belgien lebt und jedes Jahr in diese Stadt für ein paar Wochen zum Urlauben kommt. Er hat einen tollen Humor, Menschen wie er und Begegnungen wie mit ihm machen für mich das Leben lebenswert.
Nach meinem Zusammenstoß bin ich doch noch ein wenig verdattert und habe auch ein paar Schrammen abbekommen. Chris holt Geld in der Postbank und Oldo und ich kaufen Getränke in einem kleinen Lebensmittelladen. Daneben gibt es Pizza a taglio, also köstlich belegte Pizzastücke. Ich genieße ein für mich vollkommen neue Kreation mit Tomaten, Krabben und Romanasalatblättern und einem wirklich crossen Teig.
Spricht wahrscheinlich mit einer Frau - klassisch für die italienische Kommunikationsstruktur.

Spricht wahrscheinlich mit einer Frau – klassisch für die italienische Kommunikationsstruktur.


Auch heute gibt es schon wieder eine Zeitverzögerung, irgendwie ausgelöst durch meinen Unfall. Es ist mittlerweile fast 13 Uhr und wir noch nicht einmal 30 Kilometer gefahren. Ich habe keine Ahnung, wie wir auf einen Schnitt von ca. 125 Km pro Tag kommen wollen, so dass wir rechtzeitig in Tarent ankommen. Für heute jedenfalls habe ich keine Hoffnung mehr, dass wir mehr als 80 Km schaffen. Ich bin eigentlich jetzt schon total erledigt und meine Lust auf Weiterfahren ist nur bedingt vorhanden. Aber es nützt ja nichts. Wir haben uns einiges vorgenommen. Es geht also weiter.

Nächstes Ziel ist Termoli, eine Stadt quasi kurz vor dem Abbiegen auf den Sporn Italiens. Als wir Termoli erreichen, brennt die Sonne erbarmungslos auf uns nieder. Dazu geht es zur Altstadt noch ein gehöriges Stück bergauf. Wir kommen an einer Stadtmauer zum Stehen mit Blick hinunter an den Strand, auf die vielen bunten Sonnschirme, die nur teilweise sonnenhungrige Touristen mit ihrem Schutz vor Schatten umarmen. Wir radeln hinein in die historische Altstadt und machen ein paar Fotos vor der Kathedrale.

Sieht einfach aus....

Sieht einfach aus….

Obwohl total geschafft, behält die humorige Stimmung die Oberhand und es entstehen sogar ein paar sportliche Fotos.

...muss aber auch psychisch bewältigt werden.

…muss aber auch psychisch bewältigt werden.


Aber irgendwann müssen wir weiter, wollen doch heute Abend schon den Sporn Italiens beackern. Und obwohl es sehr heiß ist, und wir gleich nochmal kurz an einem Supermarkt anhalten, beginnt nun ein konzentrierter und fleißiger Abschnitt unserer Reise. Wir kommen plötzlich gut voran, obwohl der Wind wieder von Süden kommt.
Es geht durch eher unbewohnte Gebiete entlang der Küste und gegen 17 Uhr erreichen wir die Abbiegung in Richtung Sporn bei Lesina. Wir halten uns nach links und fahren auf der Landstraße gegen Osten, wo sich schwarzblaue Wolken zu einem Gewitter formieren. Ein Blick auf die Karte verrät, dass es zwei mehrere Möglichkeiten gibt, sich nach Vieste im Osten des Sporns zu orientieren.
english for beginners: a snapshot competition!

english for beginners: a snapshot competition!


Christian hält sich plötzlich mitten in der Pampa nach links und fährt in eine wie in der wie in der Wüste Nevadas einsam positionierte Tankstelle ein. Ziemlich geschafft stellen wir fest, dass wir in der Wüste Nevadas sind. Denn hier sitzen die Trucker mit 0,33 l Peroni-Bierflaschen auf den improvisiert
Hier geht es links ab zum Sporn Italiens.

Hier geht es links ab zum Sporn Italiens.

zusammengestellten Plastiksitzen und –tischen neben den Zapfsäulen und unterhalten sich angeregt. Manch einer trinkt Café aber die meisten halten sich an alkoholische Getränke. Das ist durchaus auch mal ein Martini an der Bar dabei. Das erhöht nicht unser Vertrauen in die italienischen Camion-Fahrer, die mit hoher Geschwindigkeit den ganzen Tag lang mit hoher Geschwindigkeit an uns vorüberziehen.
Die Tankstelle in der Wüste.

Die Tankstelle in der Wüste.


Für eine Kneipe in der Wüste - ganz schön frequentiert.

Für eine Kneipe in der Wüste – ganz schön frequentiert.

Wir stellen mit Freude fest, dass der Wind auffrischt und ganz plötzlich aus Westen kommt. Er vertreibt also die Wolken und beruhigt uns in Bezug auf die Weiterfahrt in Richtung Osten. Wir essen und trinken etwas, ratschen ein wenig, zeigen uns erfreut über diesen heruntergekommenen Ort, der doch von so viel Leben erfüllt ist.
Freundschaft im Austausch. Geeignetes Ambiente im Wüstenlokal vorhanden.

Freundschaft im Austausch. Geeignetes Ambiente im Wüstenlokal vorhanden.


Als wir uns gegen 18:00 Uhr wieder auf die Fahrräder schwingen, hat der Wind wieder auf Osten gedreht. Merke: Mann sollte nie zu lange Pausen machen, wenn der Wind günstig steht. Ich habe bei der Planung am Rastplatz darauf bestanden, dass wir nicht durch das Landesinnere nach Vieste fahren, sondern über Torre Mileto, einem Haff im Norden der Halbinsel. Das war eine gute Entscheidung, wie sich bald herausstellt.
Die Landschaft wird wunderschön, es geht bergab an die Küste, der Wind treibt uns voran, die Sonne scheint, und trotzdem merkt man, dass es gegen Abend doch ein wenig kühler wird. Nach 36 Grad den ganzen Tag über, tut das sehr gut. Und dann geht es auf dem Haff durch Pinienwälder, die Schatten spenden flach dahin.
Nach 135 Kilometern treten wir in die Eingangshalle eines mitten auf dem Weg gelegenen Hotels. Ein alter Mann an der Rezeption freut sich uns zu sehen, du noch mehr, als wir uns entschließen, die Nacht bei ihm im Hotel zu verbringen. Er nimmt eine leicht gebückte Haltung ein, sein graumeliertes, noch in rauen Mengen vorhandenes Haar schimmert über seinem verschmitzten Lächeln. Er gibt uns den Schlüssel mit der Zimmernummer . Wir quetschen uns samt Gepäck in den engen und altertümlichen Aufzug, stellen fest, es gibt keinen dritten Stock, fahren also in den Zweiten. Die Zimmer sind dort dreistellig, beginnend mit einer Fünf nummeriert. In einem Anflug von Größenwahn wohl, hat man bei der Nummerierung der Etagen einfach nur ungerade Zahlen gewählt. Für uns entscheidend: Zimmernummer 3 liegt also im zweiten Stock. Wir checken ein, duschen.
In der Wüste -die Landschaft wird immer schöner und abwechslungsreicher.

In der Wüste -die Landschaft wird immer schöner und abwechslungsreicher.


Meine Freunde hängen Wäsche zum Trocknen auf dem Balkon auf. Wir haben das Zimmer auf der Rückseite des Hotels, also dem Landesinneren zugewandt. Hier befindet sich eine riesige, flache Süßwasserlagune, die durch das Haff vom Meer getrennt liegt, dass sich auf der Nordseite des Hotels erstreckt.

Kurz vor Torre Mileto - es ist Abend und etwas kühler geworden. Die Sonne im Rücken finden wir ein schönes Hotel mitten im Haff.

Kurz vor Torre Mileto – es ist Abend und etwas kühler geworden. Die Sonne im Rücken finden wir ein schönes Hotel mitten im Haff.

Während Christian noch duscht begeben sich Oldo und ich in Eingangshalle, um im angrenzenden Speisesaal unseren Durst schon mal mit einem Bier zu löschen. Wir werden von zwei jungen Kellnern aber abgewiesen. Das Lokal öffnet erst um 20:15, also in einer Viertelstunde. Ich entdecke ein Piano im Foyer und überbrücke die Zeit mit Klavierüben.
Endlich ist es soweit. Der alte Herr von der Rezeption hat unsere Bedienung zur Chefsache erklärt. Er nimmt die Bestellung auf, wobei er keine Karte zur Verfügung stellt, sondern uns mündlich übermittelt, was die Küche hergibt. Seine Kellner dürfen lediglich die Sachen herbeischaffen. Wir essen Suppe und Nudeln zur Vorspeise. Oldo nimmt Fisch und Christian Salat und ich Fleisch zum Hauptgang.
Es schmeckt alles vorzüglich und wir stellen neben dem Essen fest, dass wir niemals am Mittag dachten, dass wir wieder über 130 Kilometer schaffen an diesem Tag. Morgen soll es dann weitergehen nach Vieste oder besser noch nach Manfredonia. Wir nehmen uns fest vor, ein bisschen früher als 10 Uhr loszufahren und fallen müde in unsere Betten.

Statistik:

Kilometer: 135,73
Fahrzeit: 06:20:12 Stunden
Average: 21,42 Km/h
Höhenmeter: 561 m

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