5.Etappe von Gravellona nach Borgosesia

Heute Morgen nach dem Aufstehen habe ich es überhaupt nicht eilig. Ich bin ca. 40 Kilometer von meinem Tagesziel entfernt: Borgosesia. Ein Grund vielleicht auch, warum ich mich aufschwingen kann, eine weite Radreise alleine zu unternehmen: der Besuch von mir geliebten Menschen, die ich vielleicht schon lange nicht mehr gesehen habe. Die ich mit meinem Erscheinen spontan überraschen möchte (hoffentlich positiv). Wobei ich weiß, dass ich nichts weiß. Dass es vielleicht nicht der passende Moment ist, an dem ich auftauche. Aber darum ist es mir immer wichtig, das kund zu tun, dass mir jeder sagen kann, wenn mein Erscheinen gerade nicht günstig ist. Denn ich bin selbstverständlich niemandem böse, wenn es dann eben nicht hinhaut.

Das geht ja schon gut los. Der erste Schock am Morgen - und ich muss wieder umdrehen. Nicht links am Lago d´Orta vorbei, sondern rechts rum und über die Berge

Das geht ja schon gut los. Der erste Schock am Morgen – und ich muss wieder umdrehen. Nicht links am Lago d´Orta vorbei, sondern rechts rum und über die Berge


Warum also nach Borgosesia. In diese kleine Stadt vor den Toren des Aosta-Tales? Im Jahre 1986 hatte ich in Dachau als Teamer einer internationalen Workshop-Gruppe zur Gedenkstättenarbeit des ehemaligen Konzentrationslager Dachau ein wunderbares Mädchen kennengelernt.
Ich bin der Marathon-Mann. Zumindest fühle ich mich zuweilen so

Ich bin der Marathon-Mann. Zumindest fühle ich mich zuweilen so

Die Gegend am Lago d´Orta

Die Gegend am Lago d´Orta


Wir haben uns angefreundet. Das war im Sommer. Nachdem sie mich zu sich nach Italien eingeladen hatte, habe ich sie bereits im Herbst 1986 zum ersten Male besucht. Manuela lebte damals bei ihren Eltern. Diese nahmen mich auf wie einen Sohn. Vielleicht vermisste ich eine Familie damals ein bisschen, nachdem ein paar Jahre vorher mein Vater gestorben war. Und fühlte mich damals so wohl in Italien.
Liegeradfahren macht Spaß!!!!

Liegeradfahren macht Spaß!!!!


Und so habe ich Manuela und ihre Familie immer wieder besucht. Sie selbst hat später in Karlsfeld ein halbes Jahr als Au-Pair-Mädchen gearbeitet. Und da haben wir uns auch öfters getroffen.
Nein, ich bin nicht in Afrika, sondern in den italienischen Bergen

Nein, ich bin nicht in Afrika, sondern in den italienischen Bergen

Mauerblümchen müssen noch lange nicht hässlich sein

Mauerblümchen müssen noch lange nicht hässlich sein


Zuletzt gesehen haben wir uns 2005, als meine damalige Lebensgefährtin mit ihren Kindern und mir aus dem Frankreich-Urlaub kommend, spontan bei Manuela Station machten.
Seitdem habe ich nichts mehr von ihr und ihrer Familie gehört. Sie war damals verheiratet und hattet zwei Kinder, Mattia und Marta.
Am Ende des Tages habe ich außer Zebras keine einzige Katze in diesem "Dorf der Katzen" ausmachen können

Am Ende des Tages habe ich außer Zebras keine einzige Katze in diesem „Dorf der Katzen“ ausmachen können


So. Und nun sitze ich wieder auf dem Bock und habe einen Pass entlang des Lago d´Orta zu überwinden. Viele Gedanken kommen da hoch. Lebt Manuela noch in Borgosesia, leben ihre Eltern noch? Wie geht es ihren Geschwistern? Werden sie den grauhaarigen alten Mann, der ich mittlerweile geworden bin, überhaupt noch erkennen?
Der Lago d´Orta

Der Lago d´Orta


Je höher ich steige, umso kühler wird die Witterung. Auch regnet es zwischendurch. Hört aber zum Glück wieder auf. Das Treten funktioniert prima heute, habe kaum Malesse mit den Füßen. Toll.
Italien und seine Häuser und Gärten. Einfach bezaubernd

Italien und seine Häuser und Gärten. Einfach bezaubernd


Nach der ersten langen Steigung geht es lange bergab. Und ich denke, ich habe das Gröbste geschafft. Mitnichten. Dann kommt der zweite Pass. Mit dem Warnhinweis am Anfang: Winterreifenpflicht von November bis 15. April. Zum Glück. Letzte Woche noch hätte ich ohne Spikes gar nicht hochfahren dürfen. Wenigstens ist an allen Kreuzungen, die bei mir richtungsmäßige Unsicherheit hätten hochkommen lassen, Borgosesia schon ausgeschildert.
Endlich geht es wieder bergab. In hohem Tempo kralle ich mich an meiner Panzerlenkung fest, und hoffe, nicht mal aus irgendeiner Steilkurve getragen zu werden. Und vier Kilometer vor der Zielstadt fängt es aus allen Rohren zu schütten an. Ich werde total durchnässt. Na bitte. Das musste noch sein, das ich triefend vor (fast) fremden Haustüren stehe.
Dem Ziel schon ganz nahe, und..............

Dem Ziel schon ganz nahe, und…………..

..........Geschafft!!!!

……….Geschafft!!!!


Aber so schnell es angefangen hat zu schütten, so schnell war es auch wieder vorbei. Und da es immer noch abwärts geht, ist meine Kleidung wieder trocken, als ich in die Stadt einfahre. Auch angenehm warm wird es hier wieder. Ich erinnere mich an viele bekannte Ecken, als ich mich langsam vortaste. Habe das Gefühl, dass das Haus der Eltern im südwestlichen Teil der Stadt steht. Vieles kommt mir bekannt vor, aber das Haus finde ich auch nach längerem Suchen nicht. Schließlich gebe ich auf, und suche nach einer kurzen Ansprache an einen Polizisten mit der Frage nach dem Vater von Manuela – der zwar freundlich ist, aber eben auch nicht weiterhelfen kann, ein Café im Zentrum auf. Bestelle mir einen Cappuccino. Der kostet gerade 1,30 Euro und schmeckt wie ein Teurer.

Ich frage die Bedienung nach Manuela. Sie schüttelt den dunklen Lockenkopf, aber in dem Moment sagt eine junge Stimme hinter der Theke, dass sie Manuela kennt. Sie zeigt mir ein Bild von Manuela auf ihrem Handy. Ja, das ist sie. Treffer. Sie scheint also noch hier zu wohnen. Nach meiner Stärkung trete ich auf die Straße und setze mich in mein Gefährt. Da nähert sich mir ein Mann in meinem Alter, den ich vorher aus der Bar schon gesehen habe. Er spricht mich in perfektem italienisch an, fragt mich, wie sich das Ding fährt. Als ich sage „molto commodo“ ist er so begeistert, dass er, wenn ich ihn richtig verstehe, von der grenzenlosen Freiheit und dem Abenteuer schwärmt, das das Fahren mit meinem Fahrrad bietet. Er wünscht mir, und das schreibe ich wirklich von Herzen überzeugt, eine tolle weitere und im positiven, abenteuerliche Fahrt.

Danach begebe ich mich wieder in den Teil der Stadt, in dem ich das Elternhaus von Manuela vermute. Fahre in viele kleine Gassen, an deren Ende ich es vor meinen Augen auftauchen sehe. Und als ich schon aufgeben will: plötzlich richtet sich mein Blick nach links und ich sehe sofort die Friedensfahne an der Hausmauer hängen. Bingo. Ich hab´s geschafft. Es geht noch leicht abwärts. Das Eingangstor zum Garten steht offen. Ich bin gespannt, wer hier wohnt. Es gibt zwei Klingeln. Auf der oberen stehen die Namen der Eltern, auf der unteren lebt Manuela mit ihrer Familie.

Endlich! Das kommt mir aber jetzt extrem bekannt vor........Die Flagge des Friedens. Nach den beiden Pässen bedeutet es eventuell auch ein bisschen Frieden für meine geschlauchte Beinmuskuluatur

Endlich! Das kommt mir aber jetzt extrem bekannt vor……..Die Flagge des Friedens. Nach den beiden Pässen bedeutet es eventuell auch ein bisschen Frieden für meine geschlauchte Beinmuskuluatur


Welch ein Volltreffer! Früher hatte Manuela in einem ganz anderen Teil der Stadt gelebt, an den ich mich gar nicht mehr erinnern kann. Vorsichtig bewege ich mein Velo in den Innenhof. Da kommt mir Fulvio, Manuelas Gatte schon entgegen. Er erkennt mich nicht sofort. Aber gleich danach.

Er holt Großvater Augusto aus dem Haus, Manuelas Vater. Wir umarmen uns herzlich. Er ist alt geworden, aber er lebt. Dann kommt Manuela. Sie ist sehr überrascht, erzählt mir, sie hätte im Februar versucht, mich auf Facebook zu orten, was ihr nicht gelungen ist. Wir umarmen uns. Die beiden nun schon fast erwachsenen Kinder kommen hinzu und last but not least, meine alte Freundin Adriana. Die Mutter Manuelas, mit der ich mir in den Achtziger-Jahren ratschenderweise die Nächte um die Ohren geschlagen hatte. Sie laden mich sofort ein, bei ihnen zu übernachten. Meine Schmutzwäsche hat die Waschmaschine schon verlassen und hängt hier neben mir auf der Terrasse zum Trocknen. So. Und jetzt geht es zum gemeinsamen Pizzaessen. Ich freue mich riesig, hier sein zu dürfen.

Ein Festmahl für Sinne und Freundschaft steht uns bevor!!!

Ein Festmahl für Sinne und Freundschaft!!!


Nicht nur die Pizzas sind pünktlich da, auch die ganze Familie sitzt um den Tisch. Es wird ein heiterer Abend im Austausch vieler Erinnerungen und neuer Informationen. Ich frage nach, wie es Bekanntschaften aus alter Zeit heute geht. Keiner ist richtig aus der Gegend von Borgosesia herausgekommen. Manuela, die in einer Schule als Englischlehrerin arbeitet, war in diesem Jahr im Februar mit ihrer Tochter Marta in Berlin. Deutschland gefällt ihr immer noch super. Marta verspricht mir, dass sie mit ihrer Mama nach Deutschland kommt. Manuela bestätigt mir die Absicht in einem späteren Gespräch. Das würde mich wirklich freuen, wenn wie weiter in Verbindung bleiben. Wir tauschen nun die Basis der neuen Kommunikationsmittel aus: facebook, handynummern, etc. Nein. Jetzt dauert es keine zehn Jahre mehr, bis wir wieder voneinander hören.

Das war die Strecke heute:

Strecke: 50,04 Kilometer
Fahrzeit netto: 03:11:42 Stunden
Brutto: von 11:00 h bis ca. 15:00 h
Durchschnittsgeschwindigkeit: 15,66 kmh
Höhenmeter: 609 m

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