8. Etappe von Peschiera nach Bolzano

Mein Blick nach dem Aufwachen fällt direkt auf die Hauptstraße, auf die Gardesana Orientale. Es ist wenig los da unten, aber das Wetter ist prächtig. Beschwingt raffe ich meine Siebensachen zusammen. Und begebe mich zum Frühstücken. Auch hier kann sich dieses sehen lassen. Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten trinke ich zwei Tassen Capuccino, etwas Fruchtsaft, und ernähre mich ansonsten vegetarisch mit Käse, Gurken und Tomaten auf dem Brot.
Da ich vor dem Mahl schon das Bezahlen erledigt habe, schleppe ich meine Taschen zum Fahrrad, das ich draußen auf dem Parkplatz neben den Autos, durch eine Hecke als Sichtschutz von der Straße verdeckt, am Vorabend abgestellt habe.

Gardaland macht Tourismus möglich

Gardaland macht Tourismus möglich


Ich ziehe meine Reizstrümpfe wieder aus. Es erscheint mir in der Sonne zu warm. Auch meinen Nierengurt gegen kalten Wind verpacke ich wieder in meinen Taschen. Und los geht´s. Ich biege nach links in die Gardesana ein und lasse meine Reifen rollen. Fahre durch Lazise, an Gardaland vorbei, passiere Bardolino und Garda. Langsam zieht sich der Himmel mehr und mehr zu, ohne dass ich sagen könnte, dass sich die Sonne total verabschieden würde. Aber je mehr sie sich zurückzieht, umso empfindlich kühler wird es. Trotzdem fahre ich tapfer und mit hoher Geschwindigkeit weiter.
Das ist wirklich was für mich. Rock´n Roll, das ist mein Leben

Das ist wirklich was für mich. Rock´n Roll, das ist mein Leben


Was mich ein wenig umtreibt ist eine Steigung in Torbole. Die habe ich vor einem guten halben Jahr mit meinem Trekkingrad kaum bezwungen. Und da ich gestern feststellen musste, dass ich nicht auf das kleine vordere Ritzel schalten kann, weil der Umwerfer leider – nicht umwerfenderweise – einfach die Kette nicht umwirft, habe ich doch Bedenken, ob ich das schaffe. Aber, so viel ich auch überlege, es fällt mir keine Alternative ein. Bis nach Riva zu fahren und dann mich in unbekanntes Terrain zu begeben, nein, das riskiere ich lieber nicht.
Ausufernder Gardasee bei Malcesine

Ausufernder Gardasee bei Malcesine


Und als ich Torbole erreiche ist mittlerweile auch die Sonne weg, und nicht nur deshalb, weil ich ein paar unangenehme ca. 100 Meter lange Tunnel durchfahren muss. Ich finde den Aufstieg auch sofort und fahre einfach drauf los. Gleich zu Beginn kommt mir eine Gruppe älterer Herrschaften entgegen.
Hinter Torbole beim Anstieg. Der Blick nach unten

Hinter Torbole beim Anstieg. Der Blick nach unten

Den Anstieg immer im Blick, allerdings im Rück-BLICK

Den Anstieg immer im Blick, allerdings im Rück-BLICK


Mit Elektromotoren an den Gepäckträger geschraubt. Ich denke, für was braucht man zum nach unten fahren Unterstützung. Einige der älteren Damen machen mir durch ein paar Ausrufe der Achtung Mut. Es ist wirklich sehr, sehr steil. Aber langsam, ganz langsam komme ich nach oben. Die Kette hält. Meine mehrmaligen Versuche, nochmals auf die leichtesten Gänge zu schalten, misslingen erneut. Also gut. Es wird auch so gehen. Nun eine Rechtskurve.
Kurz vor Torbole auf der Gardesana Occidente

Kurz vor Torbole auf der Gardesana Occidente


Dann geht es sieben, achthundert Meter weit weiter steil nach oben. Aber es geht voran. Es ist kein Stress, denn ich kann auch ganz lentissimo fahren. Ich falle ja nicht um. Ich fange an zu genießen. Oben trifft sich wieder eine Gruppe von Radfahrern, die dann gesammelt den Weg nach unten antritt. Das geschieht so mehrere Male, während ich mich hochkämpfe. Ich merke, wie ich müde werde. 120 Höhenmeter auf dem vergangenen gefahrenen Kilometer. Das geht an die Substanz. Es wird immer mühseliger. Aber schließlich schaffe ich es bis ganz nach oben, bin aber ganz schön außer Puste. Fast 150 Höhenmeter auf nicht einmal eineinhalb Kilometer. Ich bin einmal mehr stolz auf mich.
Ein letzter Blick auf meinen geliebten Gardasee. Jetzt geht es weiter Richtung Alpen

Ein letzter Blick auf meinen geliebten Gardasee. Jetzt geht es weiter Richtung Alpen


Endlich entspannt fahre ich dann durch Nago und suche mir den Fahrradweg nach Rovereto, den ich auch gleich finde. Jetzt geht es durch die Weinberge, was unschwer am intensiven Schwefelgeruch zu erkennen ist. Weil ich darauf so stehe, nutze ich ein zwischen dem Wein stehendes Bänklein zur Rast, und, weil es so zapfig geworden ist und die Sonne sich gänzlich vom Acker gemacht hat, zum Ankleiden meiner Windstopper. Ich schaue mich verschämt um. Nicht, dass das jemand mitbekommt.
Zwischen Gardasee und Etschtalradweg kurz vor Rovereto

Zwischen Gardasee und Etschtalradweg kurz vor Rovereto

Der Etschtalradweg. Ich habe ihn sofort gefunden.

Der Etschtalradweg. Ich habe ihn sofort gefunden.


Danach läuft es weiter bergauf. Ich halte an, als ich ein Pärchen an einer Tafel stehen sehe, die mich vorhin, als ich auf der Bank saß, während meiner kurzen Rast, schon begrüßt hatten. Ich spreche ein wenig mit den beiden aus Moro stammenden über die Vor- und Nachteile des Liegeradfahrens. Der Gatte meint auch noch, dass nach zweihundert Metern die Passhöhe erreicht ist. Ich bin dankbar, denn so früh habe ich das noch gar nicht erwartet, habe noch mit ca. sieben Kilometern steilen Bergfahrens gerechnet.
Mittagspause in Trento

Mittagspause in Trento

Eindrücke aus Trento, während ich verzweifelt die Etsch suche

Eindrücke aus Trento, während ich verzweifelt die Etsch suche


Und in der Tat, nach einigen nochmals anstrengenden Minuten geht es plötzlich bergab in Richtung Rovereto. Ich bin erleichtert, dass sich meine Muskeln nun endlich erholen können. Die Räder laufen leicht. Es fängt ein bisschen zu tröpfeln an und ich hoffe inständig, dass es sich nicht einregnet. Ich finde den Etschtalradweg sofort. Kurz vor Rovereto biege ich dazu von der Landstraße aus Nago kommend, scharf rechts ab. Dann geht es nochmal steil abwärts, und schon bin ich im Etschtal. Ein perfekt ausgebauter Radweg zum Brenner hinauf schont meinen lädierten Rücken nach all den schlechten Wegen, die ich mit meinem ungefederten Fahrrad durchfahren habe in den letzten Tagen.
So gründlich, so glatt - der Radweg an der Etsch ist wirklich geeignet für ungefederte Räder. Und das Wetter spielt auch mit. Starker Südwind und sanfte Steigung

So gründlich, so glatt – der Radweg an der Etsch ist wirklich geeignet für ungefederte Räder. Und das Wetter spielt auch mit. Starker Südwind und sanfte Steigung


Plötzlich geht es in Sieben-Meilen-Schritten voran. Der starke Wind aus Süden trägt dazu vehement bei. Der Wettergott hat also ein Einsehen mit mir. Es regnet auch nicht, wenngleich sich die Sonne nur selten mal für ein paar Minuten zeigt. Insofern ist es auch frisch. Aber meine elektronische Tachonadel fällt nur noch selten unter 28 kmh. Das macht Spaß und spornt zu intensivem Treten an. Ich komme voran und bin schon gegen 15:00 h in Trento. Hier ist es Zeit eine kleine Pause zu machen. In einem Café an einer belebten Straße zurre ich mein Fahrrad an einem Stuhl aus Eisen fest, den bei diesen kühlen Temperaturen sowieso keiner benutzt. Die Gäste nehmen ihren Kaffee lieber im Warmen ein, und begeben sich ins Innere des Gebäudes. So auch ich. Ich trinke einen Capuccino, esse eine Kleinigkeit. Nach einer Rast von einer knappen Stunde raffe ich mich auf zum letzten Abschnitt. Heute Abend möchte ich in Bozen sein. Das dürften von hier noch ca. 70 Kilometer sein. Ich steuere mein Rad durch den Feierabendverkehr von Trento. Hier ist volle Konzentration gefragt. Ich finde den Radweg nicht sofort. Wo ist nur die geliebte Etsch, deren eine Flanke mich befreit von Abgasgestank und Lärm. An deren Seite ich mich schmiegen und meine Sportlichkeit genießen kann.
Ganz Frau halte ich schließlich eine alte Dame auf, die just in diesem Moment eine belebte Straße überqueren will, am Fuße einer Brücke, die aber nicht die Etsch überschlägt, wie ich schon feststellen durfte. Die Dame schickt mich trotzdem über diese Brücke. Das sei schon der richtige Weg. Nach wenigen hundert Metern würde ich direkt auf den Fluss und damit auch auf den Radweg treffen. Erleichtert stelle ich fest, dass diese Frau zu hundert Prozent die Wahrheit gesagt hat. Nun also auf zum letzten Abschnitt meiner Radreise. Nach Bozen.
Der Wind treibt mich weiter voran. Das Wetter hält und auch die Frisur. Ich bin so euphorisiert, dass ich nicht mehr auf meinen Körper achte. Ich fahre und fahre, trete und trete. Sehe vor mir einen Rennradler. Ich will ihn wieder packen. Ziehe meine Kamera heraus und drehe einen kleinen Film über die Verfolgungsfahrt. Er kommt mir immer näher bzw. ich ihm. Ich wundere mich selbst über meine Kraftreserven und ziehe an ihm vorbei. Schnell ist er aus meinem Blickwinkel im Spiegel verschwunden. Während einer kleinen Pause etwas später überholt er mich wieder, und dann bekomme ich von ihm nur noch sein Hinterrad zu sehen. Aber jetzt sind wir schon kurz vor Bozen. Endlich. Ich merke, wie fertig ich eigentlich bin. Will eigentlich in eine Pension etwas vor Bolzano gehen, in dem ich letztes Jahr schon mal auf einer Radreise übernachtet habe. Ich finde aber die Ausfahrt nicht und bin plötzlich mitten in der Innenstadt.
Endlich in Bozen an der Endstation der Reise.

Endlich in Bozen an der Endstation der Reise.


Ich orientiere mich in die Altstadt. Und auch Richtung Bahnhof. Morgen möchte ich von hier nach München fahren. Da ich bereits am kommenden Freitag in einem Seminar bin, ermöglicht mir das noch einen Ruhetag. Und nach fast tausend Kilometern ist es jetzt auch gut. Das Wetter hält noch und die tiefstehende Sonne blendet mich, als ich mich nach einem günstigen Hotel oder einer Pension umschaue, in dem ich langsam vom Bahnhof ausgehend ins Zentrum radle.
Es dauert noch ein wenig bis ich fündig werde. Stelle erst mal mein Fahrrad an einem mir sehr teuer erscheinenden Hotel ab. Begehe einige dieser Etablissements. Aber die Preise hier sind gewaltig. Nur um ein paar Stunden Erholung zu finden, brauche ich keinen Luxus. Schließlich entscheide ich mich für ein Hotel, binde mein Fahrrad draußen an. Die Sorgen der Empfangsdame, dass es an diesem Platz gestohlen werden könnte, teile ich nicht. Ich mache mir über solche Fälle eher wenig Gedanken.
Mein nicht ganz billiges Hotel in Bozen. Aber die Wandfarbe ist schön, gell!?

Mein nicht ganz billiges Hotel in Bozen. Aber die Wandfarbe ist schön, gell!?

Sieht doch glänzend aus im wahrsten Sinne des Wortes in der Bozener Abendstimmung. Mein Hotel hatte Sorge, dass das Rad auf der Straße über Nacht geklaut wird. Da hatte ich totales Vertrauen, dass das nicht passiert. Wer will sowas schon klauen, wenn er im ersten und wichtigsten Moment gar nicht weiß, wie er das Gefährt von der Stelle bekommt

Sieht doch glänzend aus im wahrsten Sinne des Wortes in der Bozener Abendstimmung. Mein Hotel hatte Sorge, dass das Rad auf der Straße über Nacht geklaut wird. Da hatte ich totales Vertrauen, dass das nicht passiert. Wer will sowas schon klauen, wenn er im ersten und wichtigsten Moment gar nicht weiß, wie er das Gefährt von der Stelle bekommt


Dann suche ich mir ein nettes Restaurant und bestelle mir? Ja, ihr werdet es kaum glauben: spaghetti aglio et oglio. Und das, obwohl diese Art der Nudelzubereitung nicht mal auf der Karte steht. Aber ich fasse mir endlich ein Herz und frage ganz einfach. Ich bin sehr hungrig und verschlinge meine Lieblingsspeise, von der ich ein besonders große Portion bestellt habe, auf einen Sitz, wie man in Bayern so salopp sagt.
Und dann geht es schon ab ins Bett für eine gehörige Mütze voll Schlaf.

Strecke: 170,93 Kilometer
Fahrzeit netto: 07:32:16 Stunden
Brutto: von 10:20 h bis ca. 19:15 h
Durchschnittsgeschwindigkeit: 22,67 kmh
Höhenmeter: 817 m

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2 Kommentare zu 8. Etappe von Peschiera nach Bolzano

  1. Katharina sagt:

    Hallo Markus,
    endlich nehme ich mir mal Zeit in Ihren Radreisegeschichten zu lesen. Ist schon der total Wahnsinn, was Sie alles bewältigen, alle Achtung und das alles mit einem Rad ohne Federung.

    Vielleicht telefonieren wir mal.

    • admin sagt:

      Hallo Frau Schüttler,

      es freut mich, dass Sie mal in meine Seite reingeschaut haben!:-)

      Ja, es war eine Tortour, aber allerdings habe ich das erst nachher gemerkt und kämpfe noch immer mit den Folgeerscheinungen.

      Wie geht es Ihnen?

      Samuel ist heute morgen mit seiner Mama nach Teneriffa geflogen. Sie machen da zwei Wochen Urlaub.

      Dann kommt Samuel zwei Wochen im August zu mir. Dann soll es wieder auf Radreise gehen.

      Herzlichst

      Markus

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