4. Etappe: Von Reims (F) nach Charly (F)

Eigentlich wollen wir heute von Reims nach Paris fahren. Aber leider oder zum Glück kommt ja alles anders als man denkt.

Aber von vorne:  da wir erst gegen 1:30 Uhr in der vergangenen Nacht Schlaf finden, gestaltet sich das Aufstehen etwas zäh. Gegen 09 Uhr verlassen wir unser Hotel, nachdem wir im Zentrum Reims´ zu Fuß kein nettes Cafe gefunden haben, wo wir frühstücken können. Wir satteln unsere Velos und suchen eine Patisserie. Die finden wir auch und werden hervorragend und zuvorkommend bedient. Es gibt leckere Dinge zum Frühstück, für mich Obst, ein Thunfisch-Baguette und für Krischan den nicht zu vermeidenden Cafe mit Gebäck. Danach ist für den mich begleitenden ehemaligen Kunstgeschichtestudenten der Dom, die Kathedrale von Reims ein absolutes Pflichtprogramm.

Auch mich beeindruckt dieser Bau sehr. Kaum vorstellbar, dass vor ca. 800 Jahren Menschen es geschafft haben, so ein Gebäude zu errichten mit einem 38 Meter hohen Kirchenschiff, dass es bis heute nicht gewagt hat, einzustürzen.

Das Wetter ist durchwachsen als wir endlich gegen 11 Uhr aufbrechen in Richtung Paris, das von uns beiden erklärte Ziel an diesem Tag.

Aber es dauert noch eine unglaubliche Stunde, bis wir uns endlich aus dem Dickicht der Stadt Reims befreien können. Im Übrigen durch die Mithilfe einer hoch interessanten jungen Frau, die uns als Passantin ihre Hilfe anbietet.

Es ist zwölf Uhr als wir die Stadt in Richtung Südwesten verlassen. Die Sonne strahlt heute intensiver als die Tage zuvor und die Temperaturen pendeln sich bei 26 Grad ein. Das heißt: erhöhter Wasserverbrauch und darauf achten dass die Tanks an den Radstangen immer gefüllt sind.

Wenn wir denken wir hätten bergtechnisch das Gröbste bereits hinter uns: weit gefehlt. Auch heute geht es bei starkem Gegenwind (Windstärke drei bis vier, bei böigem Auffrischen durchaus auch mehr) immer wieder von Anhöhe zu Anhöhe und von Berg zu Berg. Auch an diesem Tag legen wir über 700 Höhenmeter zurück.

Paris scheint deshalb einfach nicht wirklich näher zu kommen. Aber wir lassen uns nicht beirren und fressen Kilometer für Kilometer. Die Anstiege sind Kräfte zehrend, vor allem, weil die Sonne erbarmungslos scheint. Die Landschaft ist bestimmt von weiten Weizenfeldern, immer wieder wird in dieser Gegend an den Ersten Weltkrieg und dessen Opfer auf der Alliiertenseite in Form von Militärfriedhöfen und Gedenkstätten gedacht.

Krischan und ich übernehmen abwechselnd die Führung. Mal fährt er voraus, mal ich. Es ist überhaupt wundervoll mit ihm zu reisen, mit dem Bike zu cruisen. Ich habe das Gefühl, dass wir kräftetechnisch gut beieinander liegen und von dem, wie eine solche Reise zu verlaufen hat, eben auch. Das Ganze verläuft überwiegend konfliktfrei.

Gegen 16 Uhr machen wir eine Pause in einer kleinen Stadt und gehen zum Aldi. Es gibt frisches Wasser, und weil beim Aldi ein Metzger angeschlossen ist, auch noch Bratkartoffeln (lecker) und ein halbes Hähnchen. Zwar kalt, aber trotzdem gut für die ausgehungerten Radlermägen. Wir halten uns ein wenig lang dort auf, sitzen in der prallen Sonne, merken, dass wir unsere Haut vor Sonnbrand mit Hilfe von Milch schützen müssen, und essen nebenbei noch (zusammen) zehn kleine Wassereis-Einheiten zur allgemeinen Erfrischung.

 

Das ist gut, denn nun folgt die Herausforderung:

Wir fahren weiter und haben Paris so gegen 21 Uhr angepeilt. Es geht nun durch die wunderschöne (etwas an die Wachau in Österreich erinnernde) Landschaft der Champagne. Krishan fährt voraus, aus dem Ort Charly einem Anstieg folgend. Ich hinterher. Plötzlich sehe ich ihn ca. 300 Meter vor mir am Straßenrand sein komplettes Fahrrad auseinander nehmen, und ich weiß bereits aus der Entfernung, da droht  eine größere Schwierigkeit.

Als ich ankomme erzählt mir Krischan, dass – als er kurz angehalten hatte – mit einem lauten Knall es plötzlich Mantel und Schlauch zerrissen hatte. Leider hat er einen alten abgefahrenen Mantel auf dem Rad und aus Gewichtsgründen auf das Mittragen eines Ersatzmantels verzichtet.

Ich fahre in den nächsten Ort und erkläre mit radebrecherischem französisch, was vorgefallen ist und frage, wo es denn die Möglichkeit gäbe, heute Abend noch einen neuen Mantel für meinen Freund zu bekommen. Die Antworten divergieren. Der eine meint, im nächstgelegenen Supermarché in Charly wäre das möglich, der andere rät mir, mit dem Fahrrad nach La Ferite zu fahren. Dort wäre ein Fahrradshop, der aber in 50 Minuten schließe. Mit dem Fahrrad durch die Berge 15 Kilometer weit innerhalb von knapp einer Stunde – ein Risiko. Ich fahre zurück zu Krischan. Wir besprechen die Lage, ich entledige mich meiner Last und düse zum Supermarkt nach Charly. Leider nur Mäntel für Rennräder und Mountainbikes.

Der Monsieur, der mich berät, spricht zwar weder deutsch, noch englisch, noch italienisch, ist aber so freundlich, dass mir das Herz aufgeht. Er meint, es gäbe einen Supermarkt in Thierry, 20 Kilometer von hier, der bis um 21 Uhr offen hätte.

Ich versuche Krischan telefonisch zu erreichen. Sein Telefon ist alt und lt. eigenen Aussagen, funktioniert es nur, wenn die Luftfeuchtigkeit unter 20% liegt. Da wir uns zurzeit nicht in der Wüste von Nevada befinden, bekomme ich keinen Kontakt zu ihm.

Ich stelle mich an die Straße und versuche nach Thierry zu trampen, aber kein Mensch hält an. Klar. Ich stehe da in kurzen Hosen, von der Sonne aufgebrannt, verschwitzt und voller öliger Flecken an den Beinen.

Also gut. Ich gebe auf und trete den Rückweg zu Krischan auf die Höhe über Charly an. Er hat auch noch keine Lösung erwirkt, sitzt neben seinem Fahrrad in der Wiese am Straßenrand.

 

Ich will noch mal im Ort den netten Herrn aufsuchen mit der Autowerkstatt, der mir den Rat für den Supermarché U genannt hat. Aber die Werkstatt ist mittlerweile geschlossen.

Der Ort wirkt wie ausgestorben. Plötzlich hält ein Wagen vor mir, als ich gerade in eine Seitenstraße mit einem Schild „Caravaning und Restaurant“ abbiegen will. Der Mann spricht mich auf Französisch an und ich erkenne alsbald, dass er Krischan am Straßenrand im Vorbeifahren mit dem Auto bereits wahrgenommen hat. Ich erkläre ihm mit Händen und Füssen, dass wir Probleme mit dem Rad haben und dringend einen Platz zum Schlafen suchen. Er verbindet mich telefonisch mit seinem Sohn, der des Englischen mächtig ist, und der mir mitteilt, dass wir bei seinem Vater übernachten könnten.

So erfährt der Tag eine überaus glückliche Wendung. Denn Monsieur Poll lädt uns nicht nur in sein Haus ein, er stellt uns auch den Kühlschrank zu Verfügung, fährt zudem mit Krischan nach Thierry um einen neuen Mantel für dessen Rad zu kaufen. Nein – Monseur Poll´s Frau bringt aus ihrer Arbeit im Hospital auch noch Kuchen und Poulet (Hühnchen mit Reis) für uns mit.

Diese Familie, wie überhaupt alle Franzosen, die uns bisher auf unserer Reise begegnet sind, sind überaus zuvorkommend, freundlich und hilfsbereit.

Das Vorurteil des seltsamen und zuweilen unfreundlichen Verhaltens der Franzosen den Deutschen gegenüber erkläre ich hiermit für ausgeräumt.

Wir fühlen uns hervorragend aufgehoben bei Familie Poll. Auf die Frage, was wir ihnen zu bezahlen hätten, meinten sie, dass wir eingeladen wären, sie wollten kein Geld.

Und so finde ich auf der Couch der Polls meinen Seelenfrieden und gesegneten Schlaf, der mir die Kräfte für morgen schenkt.

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