6.Etappe von Skoczow nach Krakau

Am Morgen bekommen nach einem tollen Frühstück für uns auch unsere Räder frische Schmiere an die Gelenke, in der Hoffnung, dass die Schaltungen wieder geschmeidiger

Ketten und Schaltwerke verlangen gierig nach Schmiere. Es kracht und knackt beim Schalten.

Ketten und Schaltwerke verlangen gierig nach Schmiere. Es kracht und knackt beim Schalten.

arbeiten. Ein Passant nannte uns 280 Kilometer auf die Frage, wie weit es von Skoczow nach Krakov sei. Ich bin mir nicht sicher, ob die Polen ihr Land gut kennen, oder ob sie einfach kein Gefühl für Entfernungen   haben, oder aber einfach hauptsächlich gerne zu Hause bleiben.

Denn ein Entfernungsangabenunterschied von exakt 100 % bei zwei befragten Personen, wohlgemerkt an derselben Stelle, lässt eigentlich keinen anderen Schluss zu.

Aber wir lassen uns nicht verunsichern, machen unsere Wassertanks voll und starten gegen 08:25 Uhr bei strahlendem Sonnenschein in Richtung Krakau. Das ist das richtige Radlwetter. Sonne aber nicht zu heiß und das soll den ganzen Tag anhalten.

Landschaft in Südpolen

Landschaft in Südpolen

Und wir stellen fest, dass Polen landschaftlich genauso schön ist wie Tschechien. Wir durchqueren wunderschöne Gebiete und stimmen bei jeder Pause begeistert überein, wie toll die Landschaften hier sind, begeistert darüber, das alles durchradeln und mit eigenen Augen betrachten zu dürfen.

So schön es auch ist, an Bergen mangelt es auch hier nicht, und die Höhenmesser unserer Tachos zeigen die deutlichen Anstiege. Wir fahren durch die riesige Stadt Bielsko Biala. Auffällig sind am Straßenrand viele Firmen, die in langen Linien aufgereiht, Autoteile aller Coleur feilbieten. Oldo meint nur lapidar, dass die meisten aus dem europäischen Ausland akquiriert werden.

Der fröhliche Gesell am Morgen Skoczow, gezeichnet von Hitzebläschen die hinter Zahncreme zu verbergen sucht.

Der fröhliche Gesell am Morgen Skoczow, gezeichnet von Hitzebläschen die hinter Zahncreme zu verbergen sucht.

 

Die Straße durch die Stadt zieht sich sehr lange hin. Der Verkehr ist groß und viele Lastwagen drücken sich an uns vorbei. Wir müssen aufpassen um nicht auf eine der bis zu 20 Zentimeter hohen Verwerfung gedrängt, und an den Rand eines Sturzes gebracht zu werden.

Aber irgendwann haben wir die Stadt hinter uns und durchkreuzen bei schon wieder sehr heißen Temperaturen die Landschaften Polens. Aber der Regen von gestern hat die Luft gereinigt und den Asphalt gekühlt. Die Belastungen fallen also wesentlich geringer aus, wir atmen keinen heißen Sauerstoff in unsere Lungen. Die Berge und Anstiege machen uns kaum etwas aus. Wir gehen davon aus, dass das heute die längste Etappe bis Krakau werden wird.

Die spinnen die Polen. Nach extremem Anstieg locken sie die Radfahrer mit Werbung in die nächste Kneipe. Wir widerstehen aber.

Die spinnen die Polen. Nach extremem Anstieg locken sie die Radfahrer mit Werbung in die nächste Kneipe. Wir widerstehen aber.

Die Straßen in Polen (wie in Tschechien übrigens auch), sind zu 10% sehr gut, zu 25 % ganz passabel und zu 65% miserabel. Und auf einer der letztgenannten befinden wir uns gerade. Schmal, voller Schlaglöcher und Verwerfungen, irrem Verkehr und mitten durch die Berge führend,  halten wir etwas entnervt an. Ein älterer Mountainbiker hangelt sich gerade aus der Gegenrichtung an uns heran, sein Rad  auf einer unregelmäßigen Aneinanderreihung von Betonplatten, genannt Radweg, balancierend.

Wir wollen in fragen, ob es eine leichtere und ruhigere Route durch eine Tiefebene gibt. Es stellt sich heraus, dass er ein Italiener ist, der seit drei Jahren in Polen lebt. Er hat

Ich hatte schon länger vermutet, dass wir uns hier auf einer Straße befinden.

Ich hatte schon länger vermutet, dass wir uns hier auf einer Straße befinden.

unheimliche große Lust, sich zu unterhalten, verfehlt aber das Thema gewaltig. Er hätte keine Ahnung, wie die Strecke weiter verlaufen würde. Er fahre immer nur hier in der Gegend herum. Aber er wäre zur Rente nach Polen gegangen, weil er überhaupt kein Verständnis für die Politik Italiens während der vergangenen 10 Jahre aufbringen kann. Mit einem Satz: er hasst Silvio Berlusconi. Und er redet und redet und auch noch so schnell, dass meine spärlichen Italienischkenntnisse kaum ausreichen, den Sinn zu erfassen. Die beiden anderen werden schon ein wenig ungeduldig, wollen weiter.

Wir nehmen eine Abzweigung in Richtung Norden, wo wir flacheres und ruhigeres Land vermuten, und kommen weg von der großen Straße. Zwar verfahren wir uns erst ein bisschen, aber schließlich gelangen wir durch kleine Dörfer, in denen sich teilweise auch der Reichtum Polens widerspiegelt. Schmucke Landhausvillen mit großen Grundstücken zwischen alten und teilweise verfallenen Steinhäusern.

Dieser junge Kellner ist sehr nett und zuvorkommend. In seinem schattigen Biergarten 40 Kilometer vor Krakau lassen wir es uns schmecken.

Dieser junge Kellner ist sehr nett und zuvorkommend. In seinem schattigen Biergarten 40 Kilometer vor Krakau lassen wir es uns schmecken.

Es ist mittlerweile Nachmittag geworden und unsere Kilometerleistung kann sich sehen lassen. Es keimt Hunger auf und nach einem steilen Anstieg taucht linker Hand ein großes Holzhaus mit angrenzendem Biergarten auf, der von vielen Bäumen und etwas von der Straße abgewandt, Schatten und Ruhe verspricht. Wir lenken die Räder links über die Straße und lehnen sie an die Bäume, um uns direkt daneben auf eine Holzbank mit Tisch niederzulassen.

Ein junger Mann kommt sofort und bringt uns drei in den Farben grün, rot und blau gehaltene Kartonkarten. Oldo übersetzt, soweit er alles selbst versteht, für uns. Wir bestellen Rote Beete Suppe, Salat und für mich gibt es eine Forelle in Knoblauchkräuter eingelegt. Dazu mehrere Flaschen Coke auf Eis

Wir machen Rast in Wadowice und lassen uns den unteren Teil der Beine massieren.

Wir machen Rast in Wadowice und lassen uns den unteren Teil der Beine massieren.

und für mich auch noch die  übliche Tasse Grünen Tee. Der junge Mann ist sehr, sehr freundlich und überaus bemüht unseren Aufenthalt so genussreich wie möglich zu gestalten.

Es ist auf der ganzen Welt das Gleiche -  die Jungs rennen den Mädchen hinterher. In Polen sogar vor christlichem Hintergrund.

Es ist auf der ganzen Welt das Gleiche – die Jungs rennen den Mädchen hinterher. In Polen sogar vor christlichem Hintergrund.

Gestärkt schieben wir die Velos wieder auf die Landstraße. Zwei Drittel der Strecke nach Krakau müssten wir schon geschafft haben. Das macht uns Mut für die letzte Etappe.

Wir erklimmen letzte Hügel und fahren gegen 17:30 Uhr in Krakau ein. Die Stadt verblüfft zu allererst durch eine neue Gestaltung der Plattenbausiedlungen. Auch in dieser Stadt hat man die Häuser durch Farben schöner gemacht und die Bewohner durch kilometerlange Lärmschutzwände vor den Errungenschaften der Zivilisation abgeschotet.

Daneben verläuft ein großzügiger Radweg in Richtung Innenstadt. Der Verkehr nimmt zu und wir hangeln uns weiter zum Zentrum. Wir fahren inmitten in mehreren Reihen stehenden Autoschlangen vor zu jeder nächsten Ampel und sind bald am Ziel unserer Wünsche.

Plötzlich taucht ein seltsames Bild auf: die vor mir strampelnden Helden Oldo und

Ziel der Träume - eine riesige Wasserblase, die sich aber als Fatamorgana entpuppt.

Ziel der Träume – eine riesige Wasserblase, die sich aber als Fatamorgana entpuppt.

Christian bewegen sich auf eine riesige Blase zu. Es ist wohl die verdiente Belohnung nach der tagelangen Mühsal: ein großer mit Wasser gefüllter Ballon, in den wir direkt hinfahren und ihn damit zu Platzen bringen. Er bedankt sich für die Erleichterung, indem er uns in ein Bad von kühlem Wasser taucht, dass uns erfrischt und tränkt.

Leider leide ich bereits an dem Wüstenphänomen einer Fatamorgana, wie sich nur wenige Minuten später herausstellt. Aber ich fange nicht an zu phantasieren, sondern nehme alle Kraft zusammen und folge den beiden in die Altstadt. Als ich vor lauter Glück ein wenig entspanne und über die Freude, das Ziel unserer diesjährigen Radreise erreicht zu haben, fröhlich zu singen beginne, wohl

Krakau mit Blick auf die Altstadt.

Krakau mit Blick auf die Altstadt.

auch an Konzentration verliere,  kollidiere ich plötzlich mit einem sehr schnell mir entgegenkommenden Radfahrer auf der Uferpromenade. Zum Glück läuft der Unfall glimpflich ab, aber Oldo, der neben mir fährt, ist schon erschrocken in dem Moment.

Schließlich erreichen wir das Zentrum und sind überrascht von dem intensiven Gewusel an Nationalitäten und Sprachen, die wir dort vorfinden. Wir ruhen uns an einer

Blick auf das neue Krakau.

Blick auf das neue Krakau.

Bronzesäule aus, während Oldo an der Touristeninfo versucht, eine Unterkunft zu finden. Wir haben schon im Vorfeld beschlossen, ein Zimmer für zwei Nächte in einem der günstigen ETAP-Hotels zu finden. Wir wollen morgen einen Pausentag einlegen, nachdem wir das Hauptziel erreicht haben.

Und wirklich – eine halbe Stunde später checken wir ein. Die Fahrräder nehmen wir im Lift in den dritten Stock auf unsere Zimmer. Ich komme dieses Mal in den Genuss eines Einzelzimmers, zahle aber dafür fast doppelt so viel wie jeder der beiden

Boatpeople auf dem Weg in den Westen

Boatpeople auf dem Weg in den Westen

anderen. Es ist heiß und schwül. Nach einer Dusche und dem Wechsel der Klamotten treffen wir uns am Lift und erkunden die Stadt zu Fuß nach einem netten Lokal, in dem wir unseren Hunger stillen können.

Nach einigem Suchen finden wir eine leckere Pizzeria, in dem uns ein polnisches Weißbier kredenzt wird, das so gut schmeckt, so dass wir uns fast wie in Bayern angekommen fühlen. Dazu

Krakov - Stadt der Liebe.

Krakov – Stadt der Liebe.

schmeckt das italienische Essen vorzüglich. Gute Gespräche über den Verlauf der Tour und den Ausblick für die kommenden Tag, viel Humor und geäußerte witzige Gedanken runden den Tag ab, bevor wir an diesem Abend ausnahmsweise sehr spät und ausgesprochen müde in die Falle sinken.

 

Für die Statistik:              reine Fahrzeit: 06:39:40 Stunden

Strecke:               126,42

Höhenmeter:    1128

Austausch und Planung der weiteren Tour in einer netten Pizzeria in Krakau.

Austausch und Planung der weiteren Tour in einer netten Pizzeria in Krakau.

Krakau - endlich am Ziel unserer Träume.

Krakau – endlich am Ziel unserer Träume.

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