4. Etappe: von Karlshamn nach Kalmar (31.07.2011)

Seit gestern Abend spüre ich einen intensiven Schmerz auf der Oberseite meines rechten Fußes. Schon seit vier Monaten habe ich an dieser Stelle mit einer Entzündung zu kämpfen und vor allem die vergangenen drei Wochen vor unserer Abreise war es so heftig, dass ich tageweise praktisch nicht auftreten konnte.

Auch am gestrigen Tag ging es wieder los und nachdem ich heute Morgen aufwache, quälen mich starke Schmerzen am Rist meines rechten Fußes. Ich kann nicht gehen und muss mich an der Wand stützen, um mich weiter bewegen zu können. Zum Glück habe ich an Schmerztabletten aus den Erfahrungen der vergangenen Monate gedacht und werfe gleich mal eine hohe Dosis ein. Und siehe da: nach kurzer Zeit verschwinden die Schmerzen und ich kann mich wieder aufs Radeln konzentrieren.

Ich brauche ein wenig länger als Christian, um in den Tag zu kommen und humple später alleine zum Frühstück. Krisch sitzt schon da und äußert sich total begeistert über dieses Frühstück. Der Mann an der Hotelrezeption, der uns gestern Abend in Empfang genommen hat – übrigens mit sehr guten deutschen Sprachkenntnissen – kümmert sich auch an diesem noch jungen Tag um die Frühstücksgäste. Er wirkt auch eher wie ein Profisportler oder zumindest wie ein ehemaliger Ausdauersportler. Sieht gut aus, groß, schlank, mit einer zurückhaltenden aber sein ganzes Verhalten bestimmenden Freundlichkeit.

Nach der morgendlichen Stärkung verlassen wir Karlshamn in Richtung Osten, an der Sonne orientiert. Und sind schon bald überrascht über die ständig vor uns liegenden Steigungen und den frischen Gegenwind, der uns das Treten nicht eben leichter macht.

Aber die Sonne scheint wieder und das macht uns Mut und es bereitet uns Freude, bei angenehmen Temperaturen unsere Körper zu „stählen“. Nachdem ich schmerzfrei bin, fühle ich mich gut in Form, die Hügel mit Leichtigkeit erklimmen zu können.

Der nächste größere Ort den wir erreichen, heißt Ronneby. Ein malerisches Städtchen, deshalb dazu ein paar Fotoimpressionen in diesem Bericht. Die Schweden haben Stil und Kultur. Die Ortschaften sind gepflegt, meistens zieren schöne Gebäude die Straßen.

 

Auf unserer geschenkten Tankstellenkarte versuchen wir uns immer wieder zu orientieren, was nicht leicht ist, da der Maßstab zu groß ist. Neben der Autobahn bzw. der E 22 gibt es kaum eingezeichnete Alternativen. Und wenn, dann führen sie kreuz und quer durch das Land. Wir würden ja gerne die kleinen Straßen fahren und tun das, wo immer möglich. Aber hin und wieder verirren wir uns wieder auf die E 22, wenn sie für Radfahrer erlaubt ist. Man kommt darauf ganz gut voran und der Auto- und LKW-Verkehr, der an einem vorüberrauscht, ist erträglich und nimmt uns in seinem Windschatten mit.

So hanteln wir uns voran und erreichen nach ca. 60 Kilometer Karlskrona, ebenfalls eine Hafenstadt. Es ist früher Nachmittag und wir entscheiden, hier ein wenig zu verweilen und die Pizzeria, die uns schon am Zentrumseingang auffällt, heimzusuchen. Ich gehe vorher noch ein wenig in die Fußgängerzone und entdecke eine wunderschöne Stadt. Ich kaufe eine Postkarte mit Briefmarke und frage nach der Möglichkeit, ein Paket zu versenden, sowie eine Telefonkarte erstehen zu können, mit der man entweder vom Handy oder aus der Telefonzelle günstig nach Deutschland telefonieren kann. Alles was ich bekomme, ist die Postkarte mit drei flächendeckenden Briefmarken darauf. Ok. Da muss ich weniger schreiben. Auch in einem zweiten Geschäft, im „Time“, zu dem ich geschickt werde, kann ich weder Paket versenden noch die Telefonkarte kaufen.

Der Hunger hat mich mittlerweile erreicht und ich pedaliere zu Christian, der schon draußen an der Straße sitzt, Wasser und Nudeln bereits bestellt hat. Ich geselle mich dazu und wir essen gemeinsam.

Danach werden noch schnell die Wasserreserven in einem Lidl-Markt aufgefüllt. Die Sonne scheint und es ist sehr warm. Viel trinken während der Fahrt ist angesagt.

Nun verlassen wir die Hauptstraßen und unser nächstes Zwischenziel heißt Torsas. Auch auf dieser Route bleiben uns sanfte und auch ein paar für unsere Oberschenkelmuskulatur weniger milde  Steigungen erhalten und trainieren diese. Gegen Abend komme ich immer mehr in Form und mache das Tempo. Ich möchte unbedingt bis Kalmar kommen. Es gelingt auch. Nachdem wir Hagby und Rinkabyholm passiert haben, fahren wir in Kalmar ein. Und schon der erste Eindruck macht Lust auf mehr. Schnell sind wir im Zentrum und stehen fragend an einem kleinen Platz herum, lassen die menschenbewegte Atmosphäre auf uns wirken.

Plötzlich kommt eine dunkelhaarige Frau mittleren Alters aus ihrem Eisverkaufsstand heraus und direkt auf uns zu. Sie hat wohl schon aus der Entfernung an unseren umhersuchenden Gesichtern erkannt, dass da bei den Müdigkeit und Glück gleichzeitig ausstrahlenden Fahrradfahrern noch ein paar Fragen offen sind. Wir erkundigen uns also bei ihr nach einer Unterkunft, und die besonders freundliche Dame schickt uns hinunter zum Hafen.

Weil wir zügig und heute auch besonders weit gefahren sind, beeilen wir uns und lassen unsere Räder in Richtung Hafen hinunterrollen. Die Lust darauf, nun schnell eine Unterkunft zu finden, ist nach der langen Fahrt besonders ausgeprägt.

Schnell finden wir eine idyllisch aussehende Unterkunft ganz nah am Meer. Ich betrete das Haus und begebe mich direkt zum Herrn an der Rezeption. Hinter meinem Rücken stehen viele Menschen an einem Büffet. Eigentlich wollen wir heute nichts mehr essen, aber Hunger haben wir immer am Abend. Sie haben noch ein Zimmer frei und eine hübsche blonde Hotelangestellte, die aus einem hinteren Raum inzwischen zur Rezeption getreten ist, informiert uns nicht nur über den Preis (weil wir so spät dran sind, geht sie von 1000,- skr auf 899,- skr zurück. Vielleicht sehen wir auch so abgehalftert aus, dass sie es mit einem Anfall von Mitgefühl zu tun bekommt), sondern auch darüber, dass das Büffet für Hotelgäste bis 21:00 Uhr kostenlos ist. Wir blicken erst spontan auf die Uhr und uns dann in die Augen. Wir müssen lachen, denn alle unsere Vorsätze während des Tages sind augenblicklich vergessen, und darüber verstehe ich mich mit meinem außerirdischen Freund ohne Worte. Es ist 20:15 Uhr. Schnell bringen wir unsere Sachen auf das Zimmer, das sehr geschmackvoll eingerichtet ist und vom Stil her ein wenig an Italien erinnert. Das Bad ist durch eine zweiflügelige Tür zu öffnen, ganz in weiß gehalten. Vor dem Fenster des Zimmers ist ein Gitter als Schutz vor einem eventuellen Absturz angebracht, das wir sofort nutzen, um unsere feuchten, verschwitzten Kleidungsstücke aufzuhängen.

Ich begebe mich sofort in die Dusche, die sich zum Glück, wie sich gleich anschließend herausstellen wird, in der Badewanne befindet. Mir gelingt es zwar, das Wasser anzustellen, jedoch nicht, es aus dem Brausekopf kommen zu lassen. Ich probiere sämtliche Knöpfe aus, aber nichts geht. In meiner Verzweiflung rufe ich meinen Freund, der mich Splitternackten versucht, in sanitär-technischen Dingen zu beraten. Aber in Anbetracht der zu Ende gehenden Büffetzeit und der damit verbundenen Hektik kommt auch er zu keinem Ergebnis. Ich lege mich in die Wanne und säubere mich horizontal. Mal was anderes.

Danach geht es ans Büffet und ich kann nicht umhin, mich mit köstlichem Matjes zu versorgen. Wir ratschen noch ein bisschen am Tisch. Danach gehe ich nach draußen und versuche die mittlerweile erstandenen Telefonkarten zu entwerten. Die eine kostete 150 skr, mit der anderen, so war mir im „frukthuset“, wo ich sie am Nachmittag erstanden hatte, gesagt worden, musste ich quasi das Telefon der Telefonzelle frei schalten, um danach die erste Karte zum telefonieren an sich benutzen zu können. Mir kommt das im Geschäft schon alles recht dubios vor, aber es hilft in einem fremden Land, nur zu vertrauen. Diese zweite Karte kostet 50,- skr. Nachdem ich ungefähr neunmal versuche, das Telefon frei zu schalten, waren die 50 Kronen aufgebracht und die Benutzung der zweiten Karte hinfällig. Ich fühle mich geneppt und genervt. Habe mich so auf ein Telefonat mit meiner Liebsten gefreut. Ich meine: auf ein ausführliches Telefonat, das bezahlbar wäre.

So nehme ich schließlich komplett übermüdet mein Handy und telefoniere damit ausgiebig nach Deutschland. Es tut mir gut mit meiner Gefährtin zu reden und ich spüre, wie ich sie vermisse. Eine halbe Stunde später geht es ins Zimmer zum Blog-Schreiben. Christian ist derweil noch unterwegs um das eine oder andere Glas Wein zu sich zu nehmen.

Als er heimkommt, begibt er sich direkt in die Falle und fängt lautstark zu schnarchen an. Es dauert wirklich eine Weile, bis ich selbst einschlafen kann nach einem anstrengenden aber weit zur schwedischen Mitte führenden Tag.

 

Für die Statistik:

160,09 Tageskilometer

07:44:16 h reine Fahrzeit

20,68 km/h ave

963 m Höhenmeter

86 m höchste Erhebung

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