8. Etappe von Krakau nach Kuthná Hora

Ich kann es selbst nicht fassen, aber auch in dieser Nacht habe ich kaum ein Auge zu getan. Mehr als drei, vier Stunden waren nicht drin. Es ist zum Mäusemelken. Ich kenne meinen Körper und weiß, dass ich bei Schlafmangel einfach abbaue und den Spass am Leben selbst an schönsten Tagen verliere, weil ich einfach nicht in die Gänge komme  und einem miserablem Körpergefühl nicht entgehen kann. Mich ärgert das, weil ich dann eher unleidig und griesgrämig durchs Leben laufe, und auch kaum eine Bereicherung für meine Freunde bin. Einziger Trost heute: bis zum Nachmittag sitzen wir im Zug und mein Körper wird kaum gefordert.

Ich raffe mich auf und begebe mich zu Oldo und Krischan in den Frühstücksraum im Erdgeschoss unseres Hotels. Hier gibt es an einem riesigem Büffet aufgereiht alles, was das Fahrradreiseherz begehrt: Wurst, Käse, verschiedenen Brotsorten und Gebäck, frische Säfte, Kaffee und alle Teesorten, die man sich nur vorstellen kann.

Wir halten uns aber nicht zu lange auf und stehen um 10 vor acht vollständig aufgepackt mit unseren Fahrrädern vor dem Hotel. Das ist auch gut so, denn was jetzt folgt, fängt ganz langsam an und weitet sich aus zu einer mittelschweren Stressodyssee. Ganz entspannt düse ich beruhigt hinter Christian her, der zielstrebig durch die Straßen Krakaus kurvt, ganz so, als würde er genau wissen, wo es lang geht zum Bahnhof. Schließlich waren meine beiden Freunde gestern zu Fuß bereits dort gewesen um die Reisetickets für heute zu organisieren.

Als aber auch um 5 Minuten nach 8 Uhr noch kein Gebäude in Sicht ist, das einem Bahnhof ähneln könnte, merke ich, dass Christian unruhig wird. Wir fragen mehrere Passanten und außer ihrer Unsicherheit, wo die Station sein könnte, bekomme ich lediglich ein Gefühl ihrer generellen Unwissenheit über den Standort des Bahnhofes.

Nervosität greift um sich, Christian und Oldo  versuchen fieberhaft, abzugleichen, wo sie sicher sind, gestern schon gewesen zu sein. Wir hanteln uns weiter. Es ist 10 nach acht. Wir haben  noch exakt fünf Minuten. Wenn der Zug ohne uns fährt, haben wir heute keine Möglichkeit mehr in die Nähe von Prag zu kommen und die letzten ca. 260 Kilometer an den beiden letzten Reisetagen mit dem Fahrrad zu bewältigen.

Ich schaue mich um. Nein. Kein Platz lässt auf einen Bahnhofsvorplatz schließen, kein Gebäude auf den ersehnten Abreiseort selbst.

Die Sonne scheint heute Morgen schon sehr warm in unsere Gesichter. Das heißt, wir bewegen uns in Richtung Osten, was Christians Meinung auch richtig ist. Und da, nach der nächsten Biegung: ein Gebäude mit einer riesigen Uhr unter dem Giebel grinst uns verschmitzt in die Augen. Wir juchzen auf und fahren in erhöhtem Tempo auf es zu. Wir tragen unsere Räder hinunter und wieder hinauf auf den Bahnsteig. Unser Zug steht schon bereit. Viel hätte nicht gefehlt und er wäre ohne uns weg gefahren.

Aber so schieben wir hastig unsere Reisevehikel ins Innere des Wagons mit dem aufgemalten Fahrrad, der zum Glück genau dort steht, wo wir die Treppen hoch gekommen sind. Erschöpft aber glücklich hängen wir die Felgen unserer Räder in die angebrachten Vorrichtungen im Fahrradwagon, nehmen unser Gepäck ab und begeben uns in unser Zugabteil, um zu verschnaufen nach der unvorhergesehenen Anspannung.

Ich bin  sehr müde, will die Zeit nutzen, um zu schreiben. Ich setze mich in ein Abteil, nehme mein Tablet aus dem Rucksack und schließe es an die Steckdose an. Das war noch leicht, aber mein Kopf ist so müde und schwer vom Schlafmangel, dass mir kaum etwas einfällt. Trotzdem arbeite ich den ganzen Tag an meinen Blogs, lade die Fotos meiner Digitalkamera auf den Computer, beginne originelle Bilder mit Untertiteln zu versehen. Im Laufe des Tages gehen meine Freunde und ich die Reise noch mal durch. Ich mache mir Notizen dazu. Wir sprechen wieder über den wichtigen Philosophen Mendjelew, kauen seine Reise von Moskau nach St. Petersburg noch mal durch, und bedauern, dass er sein Wissen zu seinen Gunsten nicht rechtzeitig angewandt hat. Ich mache noch ein paar kleine Filmsequenzen mit meinen Freunden und so vergeht die Zeit bis zum Nachmittag dann doch.

Pünktlich um 15:38 Uhr erreichen wir Parduvice, eine kleinere Stadt, die Oldo aus diversen Geschäftsreisen schon kennt. Allerdings meint er, er sei noch nie in der Altstadt gewesen. Ob wir Lust hätten, vor unserer Weiterfahrt Selbige noch kurz zu besichtigen. Wir willigen ein, schwingen uns auf unsere Drahtesel und bewegen uns bei Bullenhitze in die Mitte der Stadt. Auch hier erwartet uns ein großes Rechteck im Zentrum, wunderbar bepinselte Häuserfassaden, ich glaube auch UNESCO-Weltkulturerbe. Nach wenigen Minuten verlassen wir Parduvice aber wieder. Oldo bereitet uns auf eine leichte Etappe vor, da wir uns eine ganze Zeitlang in der Elbebene bewegen würden. Ich bin sehr froh, dass es flach dahingeht.

Gegen Abend allerdings ändert sich das Landschaftsbild, nachdem wir an einer Kreuzung links in Richtung Kuthná Hora abbiegen. Am westlichen Horizont sind die Berge schon erkennbar und ich hoffe, dass diese Etappe schnell ihr Ende findet. Ja, sehr plötzlich geht es wieder bergauf. Als wir den scheinbar höchsten Punkt erreicht haben, erregt ein Hinweisschild meine Aufmerksamkeit: nach Kuthná Hora – unser Tagesziel, und selbstverständlich UNESCO-Weltkulturerbe – 10 Kilometer. Und links neben mir erstreckt sich eine Tiefebene. Dankbar nehme ich die Einladung an und lasse die Räder rollen. Mindestens viertausend Meter geht es ausschließlich bergab.

Ich bin begeistert und genieße. Oldo ist hinter mir, Christian weit hinter mir. Ich bin den Berg runter, jetzt wird es nur 6 Kilometer durchs Flachland gehen, und wir sind am Ziel! Ich freue mich auf unser Hotel, auf den Abend, auf den Schlaf und träume von einem kühlen Bier, als ich plötzlich an einem Hinweisschild vorbeirolle. Ich traue meinen Augen und den tschechischen Landvermessern sowieso nicht mehr: nach Kuthná Hora 11 Kilometer!

Ich habe das Gefühl augenblicklich zusammenzubrechen. Vielleicht bringt mich dann ein Krankenwagen oder ein bestenfalls ein Taxi in die Stadt. Oder Christian packt mich in sein nun wieder am Gepäckträger provisorisch festgezurrtes Einkaufskörbchen und zuckelt mit mir in die Stadt.

Aber auch diese Herausforderung wird letztendlich gemeistert. Kuthná Hora kommt unweigerlich, durch unablässiges Treten in die Pedale verursacht. Ich halte zuerst an einem Biergartenlokal und bestelle mir am Tresen des düsteren Gastraums bei einem jungen vollbärtigen Wirt ein sozialistisches Kräuterkola. Dann kommt auch schon Oldo heran und weitere fünf Minuten später auch Christian. Alle stärken sich an der Tränke und dann geht es ins Stadtzentrum.

Kuthná Hora stellt sich als wirkliche Wucht heraus. Tolle Gebäude, eine riesige Altstadt. Wir finden auch gleich eine Herberge. Doch wir sind noch nicht entschlossen, tasten uns weiter ins Stadtinnere hinein und hinauf. Wir entdecken am höchsten Punkt eine Kirche die mich an Harry Potters Ausbildungszentrum für Zauberer erinnert. Und dann: ein kleines und verwinkeltes Hotel, ruhig gelegen. Die Wirtin freundlich. Die Jungs schauen sich das Zimmer an und kommen begeistert vom ersten Stock herunter. Ich vertraue ihnen, die Wirtin zeigt uns den Platz für unsere Räder. Ich durchquere das Restaurant und sehe einen tollen Biergarten im Rückteil des Gebäudes.

Wir duschen uns schnell und finden uns im Restaurant ein. Es gibt hervorragendes Essen und Christian bekommt einen sehr guten, von ihm bevorzugten Weißwein.

Wir vereinbaren, am nächsten Morgen schon gegen acht Uhr zu starten. Unser Ziel wird der Ort Pisek sein. Möglicherweise eine UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt???? Es geht auf jeden Fall durch den Süden Tschechiens in Richtung Westen. Wir sind nur noch ca. 210 Kilometer von unserem Ausgangspunkt Velhartice und damit dem Ende unserer diesjährigen Reise entfernt.

 

Die Statistik:                      reine Fahrzeit:    03:03:22 h

Strecke:               54,48 km

Höhenmeter:     329 m

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