7. Etappe Pausentag in Krakau

Ich habe im Etap-Hotel das teure Einzelzimmer abbekommen. Ich wollte das auch, in der Annahme, dass ich meine müden Knochen durch Ruhe und ausreichend Schlaf kurieren kann. Aber die Nachtruhe, die erst nach einem ausführlichen Gespräch mit Oldo bei dem einen oder anderen polnischen Pils sehr spät beginnt, findet ihr Ende schon am frühen Morgen. Es ist warm im Zimmer und da das Fenster offen ist, höre ich auch Straßenlärm. Total gerädert begebe ich mich ins Bad und hoffe durch kaltes Wasser im Gesicht gleich unglaublich frisch zu werden.

Als es an der Zimmertüre klopft, mache ich trotzdem mit abgekämpfter Miene auf. Oldo steht vor meinem Zimmer und informiert mich, dass Christian und er jetzt auf Stadterkundung gehen würden. Zudem hätten sie vor, bereits frühzeitig ein Zugticket für die Rückreise nach Tschechien in die Nähe von Prag zu organisieren. Oldo meint, dass es ein wenig kompliziert werden könnte. Ich bin da ganz beruhigt, haben Krischan und ich auf unserer letztjährigen Reise doch durchweg positive Erfahrungen mit der polnischen Bahn gemacht, sowohl was die Preise als auch die Mitnahme von Fahrrädern im Zug betrifft.

Ich schicke die beiden ohne mich los. Ich will ein bisschen Ruhe und später an meinem Blog schreiben. So lege ich mich wieder ins Bett und versuche vergeblich einzuschlafen. Später fahre ich mein Tablet hoch und verarbeite Erlebnisse auf unserer Reise. Danach gehe ich über die Straße in einen kleinen Laden, um mir Getränke und ein bisschen was zum Knabbern zu holen. Dann mache ich mir es wieder auf dem Bett bequem, lade Fotos hoch und schaue Fernsehen. Es gibt auch ein paar deutsche Kanäle. So vergeht der Nachmittag.

Später melden sich Oldo und  Christian telefonisch bei mir. Wir verabreden uns um 17:00 Uhr, um gemeinsam den Abend in der Stadt zu verbringen. Für mich wird es auch langsam Zeit, Krakau mehr kennen zu lernen. Aber schon der erste Eindruck beim Ankommen bestärkte mich in meinem Gefühl, dass ich mich in kleinen überschaubaren Städten grundsätzlich wohler fühle.

In Krakau gibt es viel Verkehr, unendlich viele Touristen, die die schönen Plätze bevölkern und es ist heiß hier. Na klar, kein Wunder. Hitze ist Programm auf diesem Trip.

Wir treffen uns am Hotellift. Die beiden erzählen, dass es wirklich beinahe nicht geklappt hätte mit dem Zugticket für unsere Weiterreise. Die zuständige Dame am Schalter des Krakauer Hauptbahnhofes hat wohl vergessen, dass die Zeiten des Kalten Krieges und der sozialistischen Planwirtschaft schon vorüber sind. Sie hatte  den Angaben meiner Freunde zufolge kaum Interesse daran, dass wir das Land wieder verlassen dürfen. Schließlich hat es aber doch funktioniert. Für 75,- € pro Mann, Nase und Fahrrad reisen wir morgen um 08:15 Uhr zuerst nach Westen nach Kattowice, dann zurück nach Ostrava in Richtung Prag nach Parduvice.

Auf der Suche nach dem Bahnhof und der Erkundung Krakaus am Nachmittag sind meine Freunde auf das jüdische Viertel der Stadt aufmerksam geworden. Wir entschließen uns, uns dorthin zu orientieren und gelangen, angelockt von Klezmer Musik, sehr schnell in die richtige Richtung.

Ein kleiner Platz öffnet sich vor uns, nachdem wir in eine Seitengasse abgebogen sind. Es erfasst mich wirklich ein ganz besonderes Gefühl, das die Atmosphäre der Gebäude in Verbindung mit der jüdischen Musik auslöst. Der Film „Schindlers Liste“ kommt mir in den Sinn. Schindler, der hier in Krakau gewirkt und viele jüdische Mitbürger vor den Nazischergen gerettet hat.

Auf der rechten Seite dieses Platzes reiht sich ein Lokal an das andere. Junge Mädchen und hin und wieder ein Mann stehen am Rand der Tische und Stühle und versuchen, Passanten in ihr Restaurant zu locken.

Wir sind hungrig und nach einigem Zögern setzen wir uns in das letzte oder vorletzte Lokal der Reihe in dieser Straße. Ganz junge Bedienungen sind gleich für uns da und wir sind gespannt auf Geschmack von Speis und Trank. Die Entscheidung für das Bier ist gleich gefallen, nachdem wir der Speisekarte entnehmen, dass es das Weißbier ist, das wir gestern in dem italienischen Lokal auch bekommen haben und das uns sehr geschmeckt hat. Es stellt sich heraus, dass auch das Essen hervorragend mundet, wenngleich die Preise die am deutlich teuersten sind, die wir auf unserer Reise bisher bezahlen.

Heute, an unserem Pausentag und nach dem köstlichen Abendessen, lerne ich im Zuge unserer Tischgespräche den alten russischen Philosophen Mendjeljew kennen. Er entwickelte das Periodensystem. Am Ende stellte er fest, dass zwei Kästchen frei blieben und dass eines davon dem Alkohol, das andere dagegen der Milchsäure zugeordnet wird. Er erforschte weiterhin, dass ein erhöhter Milchsäurewert durch einen erhöhten Alkoholkonsum ausgeglichen werden kann. Auf einer gemeinsamen Radtour von Moskau nach seiner Heimatstadt St. Petersburg auf Holzhochrädern mit seinem Freund Mitschurin, der für Mittelrussland 300 neue Züchtungen von Obstbäumen (vor allem Apfelsorten hatten es ihm angetan) erschuf, brach der geniale Chemiker und Philosoph quasi auf der Ziellinie an einer Milchsäurevergiftung zusammen und verstarb. Wahrscheinlich, so ist laut seiner ureigenen Lehre anzunehmen, hat er zu wenig Alkohol zu sich genommen.

Heute ist der 1834 geborene Medjeljew für viele Tschechen prägendes Vorbild und Philosoph.

Natürlich führen wir  nicht nur philosophische und medizinische Unterhaltungen, sondern lachen viel, lassen den Tag und die Reise bis dahin, Revue passieren.

So wird es spät. Lange nach Einbruch der Dunkelheit begeben wir uns gutgelaunt und zu Fuß durch das nächtlich beleuchtete Krakau zurück in unser Hotel.

Wir müssen morgen früh raus, denn unser Zug startet schon um Viertel nach acht vom Hauptbahnhof in Krakau. Nur gut, dass Oldo und Krischan schon wissen, wie wir dorthin kommen. Da haben wir noch ein wenig  mehr Zeit um das üppige Etap-Hotel-Frühstück zu genießen. Wir verabreden uns um 07:15 Uhr im Frühstücksraum.  Um kurz vor acht wollen wir dann zum Bahnhof losradeln. Ziemlich müde begebe ich mich in die Falle in der Hoffnung auf besseren Schlaf als in der vergangenen Nacht.

 

Statistik:              Pausentag

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